Anna Frost: „Es gibt mehr im Leben als Laufen“

Hendrik

Text 
Fotos Kelvin Trautman

Athleten / Interviews

Seit über einem Jahrzehnt gehört Anna Frost zu den erfolgreichsten Berg- und Trailläuferinnen der Welt. Doch nach einer Zeit voller Verletzungen und Selbstzweifeln geht es "Frosty" nicht mehr um Siege und Rekorde. Wir haben die Neuseeländerin am Tag vor dem Transvulcania zum Interview getroffen - und mehr über das Leben als über das Laufen gesprochen.

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Anna, es sieht so aus, als wenn du inzwischen weniger Rennen und mehr Fastest Known Times und persönliche Projekte machst. Ist das die Richtung, die du in Zukunft einschlagen möchtest?

Ja. Ich bin jetzt seit zwölf Jahren im Rennzirkus unterwegs und wie alles andere auch wird es zwar nicht unbedingt langweilig, aber mit der Zeit braucht man einfach neue Herausforderungen. Ich mag FKT-Projekte, weil sie eine sehr persönliche Herausforderung sind. Sie sind selbstbestimmt, selbstmotiviert, selbstgestoppt. Es sind Projekte, die man aus einem ganz simplen Motiv heraus tut. Einem egoistischen Motiv zwar, aber auch einem ganz einfachen. Das werde ich weiterhin tun. Den Rim-to-Rim-to-Rim im Grand Canyon möchte ich irgendwann versuchen. Auch in Colorado und Utah gibt es einige Querungen, die ich gerne machen möchte. Und Ende des Jahre werde ich hoffentlich nach Bhutan gehen. Mich reizen nicht so sehr 8-Stunden-Sprints, sondern eher zweiwöchige Touren. Im Moment bin ich in einer Art Findungsphase. Es gibt so viele tolle Projekte, und es ist ziemlich spannend, sich zu entscheiden.

Und wohin zieht es dich in geographischer Hinsicht? Du scheinst im Moment eine Weltreisende zu sein?

Ja, wobei ich zuletzt mehr Zeit in Colorado verbracht habe, weil mein Freund dort lebt. Aber ich habe auch das San Juan Gebirge für mich entdeckt, und es hat sich sofort wie Zuhause angefühlt. Wenn man einmal Hardrock-Luft geatmet hat, lässt es einen nicht mehr los. Dort möchte ich definitiv mehr Zeit verbringen. Natürlich zieht es mich auch immer wieder zurück nach Neuseeland. Aber alles hängt davon ab, was ich in Zukunft mache. Wenn ich als Lehrerin an einer internationalen Schule in der Schweiz arbeite, dann werde ich in der Schweiz sein. Ich mag dieses Gefühl, viele Optionen zu haben, aber nicht genau zu wissen, wohin die Reise geht.

Aber das kann auch anstrengend sein, oder? Kein richtiges Zuhause zu haben, ständig aus dem Koffer zu leben?

Absolut. Es wäre toll, ein Haus zu haben und Freunden auf der Durchreise sagen zu können: „Kommt vorbei, ich zeige euch die Trails in der Gegend!“ Denn ich hatte in den letzten Jahren das Glück, genau solche Freunde zu haben. Aber ich weiß auch: Solange ich noch frei herumreisen kann, ist eine gute Zeit, das zu tun. Und auch wenn es sich nach wenig anhört, aber ich bin einen Monat lang auf La Palma, in ein und demselben Bett, einem Apartment – das fühlt sich wie Zuhause an. Ich packe meinen Koffer aus, und dann reise ich wieder. Im Moment reicht es mir, zumindest für einen Monat ein Zuhause zu haben.

„Ich mag dieses Gefühl, viele Optionen zu haben, aber nicht genau zu wissen, wohin die Reise geht.“ (Foto: Kelvin Trautman / Salomon)

„Es wäre toll, ein Haus zu haben und Freunden auf der Durchreise sagen zu können: Kommt vorbei, ich zeige euch die Trails in der Gegeend!“ (Foto: Kelvin Trautman / Salomon)

Welche Ziele hast du noch als Wettkampfsportlerin? Nehmen wir zum Beispiel den Transvulcania. Du hast hier zwei mal gewonnen, hältst den Streckenrekord. Besser geht es eigentlich nicht, oder?

Genau so ist es. Ich bin sehr, sehr zufrieden mit meiner Laufbahn. Nicht nur beim Transvulcania, sondern in den letzten zwölf Jahren. Ich habe viele Höhen und Tiefen erlebt. Natürlich gäbe es noch viele andere Rennen, die ich laufen könnte. Und ich spüre, das ich physisch dazu in der Lage wäre, weiterzumachen. Aber ich spüre auch, dass es es soviel mehr im Leben gibt, als sich nur auf Rennen zu fokussieren. Ich möchte dem Sport etwas zurückgeben. Ich möchte Kinder und die Gesellschaft insgesamt ermutigen, fit und gesund zu leben, egal ob in Schulen oder am Arbeitsplatz. Also ja, es gibt eine Menge Dinge außer Laufen, die ich tun möchte.

In diesem Jahr starte ich beim Ultra Skymarathon Madeira und auch wieder beim Hardrock 100. Ich habe das Wettkampf-Gen also noch im Blut und werde es immer haben. Aber ich bin heute zufriedener und kann sagen: Was immer passiert, passiert. Ich bin fit und gesund an der Startlinie, alles andere ist nur ein Bonus. Wenn ich das sagen kann, hatte ich auch ein gutes Rennen, egal ob ich gewonnen habe oder als 10. ins Ziel gekommen bin. Ich habe mich trotzdem gut gefühlt, ich war fit und nicht verletzt.

Klingt, also wenn du inzwischen mit einer ganz anderen Einstellung an den Start gehst?

Ganz genau. Gewinnen ist nicht mehr alles. Rekorde zu brechen ist nicht mehr alles. Auch mein Training ist nicht mehr so fokussiert. Wenn ich mich jetzt müde fühle, höre ich auf. Früher habe ich gedacht, wenn du jetzt aufhörst, wirst du nicht gewinnen, also habe ich noch eine Stunde weiter gemacht.

Entspannte Atmosphäre: Am Tag vor dem Transvulcania treffen wir Anna zum Interview

Nach einem schnellen Beginn konnte Anna das Tempo an der Spitze nicht mehr mitgehen. „Mein härtester Transvulcania bislang,“ resümierte sie im Ziel. Und schien trotzdem mit sich und der Welt im Reinen.

Du betätigst dich auch als Mode- und Schmuck-Designerin. Ist das etwas, das du ausbauen möchtest?

Absolut. Ich liebe das, es ist meine Leidenschaft. Ich habe keine Ausbildung als Schmuck-Designerin oder Schneiderin. Aber es ist etwas, das ich sehr gerne tue. Deshalb hoffe ich, dass ich bei Salomon etwas finde, wo ich an Rucksäcken, Bekleidung oder Schuhen mitarbeiten kann. Neben dem, was wir sowieso schon mit S-LAB tun. Und was den Schmuck angeht, ich mag es einfach, meinen eigenen Schmuck zu entwerfen. Es ist eigentlich nur ein Hobby. Aber ich würde liebend gerne irgendwo einen Laden aufmachen und sagen: „Ich mache das jetzt hauptberuflich.“

Eine handwerkliche Tätigkeit vermittelt eine ganz andere Art von Erfolgserlebnis, oder?

Ja, und es ist eine der wenigen Dinge, bei denen ich still sitzen kann und meine Gedanken nicht umherwandern. Du kannst mir sagen, versuch es mal mit Meditieren und ich werde dabei an alles andere denken, nur nicht ans Meditieren. Aber wenn ich Schmuck gestalte bin ich sehr fokussiert darauf. Es ist eine Art Zen-Ort für mich.

Du würdest also sagen, dass es andere Leidenschaften im Leben außer Laufen braucht, um gesund und glücklich zu bleiben?

Genau. Das Leben als Leistungssportler ist sehr eintönig. Aber das echte Leben ist nicht eintönig. Das Leben sollte jeden Tag voll von aufregenden Dingen sein. Das ist es auch, wir sehen sie nur nicht unbedingt. Entweder weil wir nicht hinschauen, oder weil wir zu beschäftigt sind. Ich möchte mir einen breiten Horizont bewahren und auch wieder über andere Dinge nachdenken.

Du bist ein Vorbild für viele Läufer und Läuferinnen. Vielleicht jetzt noch mehr, wo du dich von der Wettkampf-fokussierten Athletin zur „Lebensläuferin“ entwickelst?

Ja, und ich hoffe, dass andere aus meiner Geschichte lernen. Ultra- und Skyrunning hat seit 2012 einen riesigen Boom erlebt, und plötzlich haben die Leute angefangen, vier, fünf oder sechs Ultras im Jahr zu laufen. Und dann waren es auf einmal drei oder vier Hundertmeilen-Rennen. Und wo sind all die Topläufer der letzten vier Jahren jetzt? Ich meine, auch ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Geoff Roes war dort, Mike Wolf, Mike Foote, Tony [Krupicka], Timmy [Olson]. Alle reden darüber, überall gibt es Berichte über Übertraining. Aber reagiert jemand wirklich darauf? Hört jemand wirklich darauf und sagt sich „Vier Hundertmeilen-Rennen im Jahr zu laufen könnte eventuell eine schlechte Idee sein?“ oder „Warum versuchen wir es nicht mal mit einer Pause?“. Und mit einer Pause meine ich nicht, 100 Kilometer am Tag Rad zu fahren. Das ist keine Pause. Ich hoffe wirklich, dass wir daraus lernen.

„Ich möchte mir einen breiten Horizont bewahren und auch wieder über andere Dinge nachdenken.“ (Foto: Kelvin Trautman / Salomon)

Was glaubst du, warum haben wir bislang nicht dazugelernt? Liegt es am Druck von Sponsoren, dem eigenen Ego, den sozialen Netzwerken?

Ja, es sind sicher viele Dinge. Ich war ja auch nicht immun dagegen. „Wer wäre ich, wenn ich keine Likes auf Facebook bekäme? Wer wäre ich, wenn ich keine Läuferin wäre?“ Man vergisst das, weil man sich so sehr damit identifiziert. Deshalb ist es wichtig, Dinge wie Schmuckdesign zu tun, Lehrerin zu sein, oder ein Leben außerhalb des Sports zu haben. Denn sonst ist es sehr leicht zu sagen: „Ich bin ein Läufer, und das ist alles.“

Es gibt leider auch nicht genügend Forschung zur Nebennierenschwäche. Physisch ist man müde, aber man kann trotzdem noch laufen. Aber um den Hormonhaushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, braucht man eine echte Pause. Psychisch braucht man eine Pause. Und das fällt den meisten von uns sehr schwer. Das ist nicht leicht zu lernen.

Es sind also viele verschiedne Faktoren. Sponsoren wünschen sich, dass ihre Athleten mehr und mehr machen. Aber es liegt an uns, Stopp zu sagen…

Und es gibt ja auch andere Geschichten zu erzählen als immer nur Rennen und Rekorde…

Genau. Es geht auch darum, ehrlich zu sein. Ehrlich zu sich selbst und zu sagen: Ja, ich laufe nicht die ganze Zeit. Ich muss nicht die ganze Zeit laufen. Ich kann auch ein ganz normaler Mensch sein.

Anna, Danke für das ehrliche Gespräch. Alles Gute für deine Zukunft, egal, wohin sie dich führt!

Danke dir!

Hendrik

Von

Hendrik ist leidenschaftlicher Trailrunner und Gründer des TrailBlog. Neben kurzen, steilen Rennen reizen ihn lange Touren auf eigene Faust in den Bergen. Hendrik ist ASICS Frontrunner und wird unterstützt von Garmin, SZIOLS und ultraSPORTS. Folge ihm auch auf Strava, Twitter und Instagram.
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14 Kommentare

  1. Running Zuschi

    Sie ist einfach eine ganz besondere Athletin, die trotz ihrer Jugend schon so viel Erfahrung hat! Es wäre wirklich schön, wenn wir mehr auf sie hören würden! Hendrik, 1000 DANK für das Interview und dass du auch kritische Sachen auf deinem Blog zulässt!
    Cheers, Running Zuschi

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  2. Nagetier

    Trotzalledem schade, dass die Ikonen die Bühne verlassen, auf der sie nie wirklich gestanden haben. Nachhaltigkeit versuchen sie zu vermitteln … ich wünschte mir, es würden DIE mal hinhören. DIE unseren Sport kaputt machen.
    Danke für das Interview und auch. noch von der Mutter aller Trailrunninginseln.

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