Brocken Challenge 2016: Im hohen Norden

Carsten

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Fotos Matthias Schwarze

Rennen

Seit mittlerweile 13 Jahren findet am zweiten Samstag im Februar die Brocken Challenge statt. Bei diesem "Wohltätigkeits-Ultramarathon" von Göttingen auf den Brocken fließen sämtliche Start- und Spendengelder in soziale Projekte. So sind am Ende alle Sieger.

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Die Challenge vor der Challenge

Doch die Brocken Challenge besteht nicht nur aus dem Rennen selbst. Die erste Herausforderung ist die Anmeldung. Da der Lauf im Nationalpark Harz endet und dieser die Teilnehmerzahl auf maximal 175 festgesetzt hat, muss der Veranstalter eine Vorauswahl treffen. Dafür gibt es eine Art Lotterie, bei der einige Kriterien festgelegt sind: 20% Frauenanteil und 50% Erstteilnehmer, zum Beispiel. Anfang des Jahres wird man dann vom Veranstalter informiert und aufgefordert die Spende zu überweisen. Ich hatte Glück und war dabei.

Die zweite Challenge ist die Jahreszeit: Mitte Februar, das Wetter spielt Katz und Maus und die Erkältungswelle rollt. So mussten auch in diesem Jahr zahlreiche Läufer kurzfristig auf ihren Start verzichten. Und schon wieder hatte ich Glück. Meine Erkältung war glücklicherweise schon wieder soweit abgeklungen, dass ein Start nicht in Frage gestellt werden musste.

Verpfleger und Entsafter

Die Brocken Challenge beginnt am Freitag um 18:00 mit dem Briefing in einem gut gefüllten Hörsaal des Uni-Sportzentrums in Göttingen. An dieser Stelle werden einige Helfer der Verpflegungspunkte vorgestellt, die Jubilare für ihre 10. Teilnahme geehrt und die Strecke sehr detailliert beschrieben. Es fallen Begriffe wie Entsafter 1, Entsafter 2 und Spanische Runde. All das sagt mir bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts, aber das sollte sich ändern.

Im Anschluss ans Briefing müssen die Kleidersäcke mit der Wechselkleidung für den Brocken abgegeben werden. Danach geht es direkt zur Pasta Party. Diese fand für mich im Reinshof statt, wo auch mein Schlafplatz für die folgenden zwei Nächte sein sollte. Ich habe selten eine Pastaparty erlebt, bei der so viel Wert auf die Qualität der Lebensmittel gelegt wurde!

Eines ist bis jetzt noch unerwähnt geblieben: Die Strecke ist bei guten Bedingungen etwa 80 km lang und hat 1.900 Höhenmeter. Anfangs hat es etwa alle 10 km einen Verpflegungspunkt, im Nationalpark wird man alle 5 km versorgt. Die Auswahl ist grandios – die Brocken-Challenge wird auch als „längste Bio-Messe der Welt“ bezeichnet.

80,25 km
Distanz
2.342 m
Anstieg
1.547 m
Abstieg
GPS-Download

Auf zum Tanz

Am Samstagmorgen ab 5 Uhr ist dann im „Alten Tanzsaal“ Startaufstellung. Es gibt ein grosses Frühstücksbuffet, die Stimmung ist locker und es wird sogar noch ein Geburtstagsständchen angestimmt. Bei etwas unter null Grad werden wir um Punkt 6:00 Uhr auf die Reise geschickt. Es ist eine wundervolle Stimmung, vielleicht etwas frisch, aber es scheint ein super Lauftag zu werden. Die ersten sechs Kilometer leiten uns Fackeln am Wegesrand. Bei einem Blick nach hinten werden plötzlich Erinnerungen an den Transvulcania wach. Es ist einfach ein schönes Bild, wenn man diese Perlenkette aus Läufern mit Stirnlampe in der Nacht sieht. Die Strecke ist hier relativ einfach zu laufen: Asphalt, etwas wellig, ein gutes Warm-up.

Im weiteren wurde der Weg bis zum Nationalpark durch kleine orangefarbene BC-Schilder gekennzeichnet. Teilweise sind diese Schilder nicht immer auf den ersten Blick zu sehen. So passiert es dann auch mir, dass ich kurz vor Rhumequelle auf Position 4 liegend ein Schild übersehen habe. Nach knapp einem Kilometer in die falsche Richtung werde ich von einem entgegenkommenden Autofahrer gefragt ob ich mir sicher sei, dass ich richtig bin. Nein, war meine kurze und knappe Antwort und es ging zurück. Nun sah ich auch am Ortseingang auf dem Boden liegend das BC-Schild. Abhaken und weiterlaufen!

Kurz nach dem Verpflegungspunkt Rhumequelle werde ich dann vom später Zweitplazierten Falk Hübner eingeholt. Wir laufen etwa zwei Kilometer zusammen und dabei stellt sich heraus, dass wir beide die gleiche Trainingstrecke in Berlin hatten. Gespräche, die sich so wohl nur bei einem Ultralauf ergeben. Bei der Verpflegung in Barbis hat man ziemlich genau die „Marathonschallmauer“ erreicht. Meine Uhr zeigte hier exakt 3:30 Stunden und 44 km an. Viele Läufer nutzen diesen Verpflegungspunkt um Schuhe und/oder Kleidung zu wechseln. Ich fühlte mich sehr wohl in meinem Sense Pro und verzichtete auf einen Wechsel.

Morgenstimmung: Noch liegt ein Großteil der Strecke vor den Teilnehmern

Die letzten Meter sind die schwersten: Mit knapp 80 km in den Beinen wird jede Steigung zur Herausforderung

Kalt, hart, schön!

Der zweite Streckabschnitt beginnt gleich mit einer ziemlichen Wand. Jetzt erfahre ich am eigenen Leib, warum diese 21 Kilometer von Barbis bis Lausebuche „Entsafter“ heißen. Auch ich musste hier das erste Mal vom Lauf- in den Wanderschritt wechseln. Ab etwa 700 Höhenmeter war der Weg dann auch komplett schneebedeckt. Anfangs nur leicht und es ließ sich noch sehr gut laufen. Später versuchte ich, in einer gefrorenen Fahrspur zu laufen. Nicht sonderlich angenehm, aber besser als sich frühzeitig nasse Schuhe zu holen.

Ab Lausebuche beginnt der Nationalpark Harz und man folgt nun den offiziellen Wanderschildern. An den Verpflegungsposten gibt es ein Schild mit den gelaufenen Kilometer, die Kilometer bis zur nächsten Verpflegung und welchem Ortsnamen man zu folgen hat. Ab hier ist es also eine Art Schnitzeljagd. Gerade als Ortsfremder kann man sich nie ganz sicher sein, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Der Schnee war mittlerweile sehr tief und man musste die Strecke mit vielen Langläufern teilen.

Oderbrück ist der letzte Verpflegungspunkt vor dem Ziel. Mit mittlerweile 73 Kilometern in den Beinen ging es jetzt auf das steilste Stück. Die Schneeverhältnisse waren nun wieder etwas besser und bei strahlender Sonne machte ich mich auf die letzten 400 Höhenmeter. Hier wurde ich von Phillip eingeholt, der sehr schnell auf mich auflief, aber nicht überholen wollte. Er meinte, auf dem letzten Anstieg gelte ein ungeschriebener „Nichtangriffspakt“, ähnlich wie am letzten Tag der Tour de France. Gemeinsam laufen wir die letzten Kilometer und schließlich als 7. und 8. ins Ziel.

Im Goethesaal des Brockenhotels bekommen wir dann die Medaillen und unsere Gepäcksäcke überreicht. Nach einer wohltuenden Dusche und Massage ging es wieder an die frische Luft, um weitere Finisher in Empfang zu nehmen. Gegen 19 Uhr begaben wir uns dann in kleinen Gruppen auf den letzten Teil der Challenge, den 10 km langen Rückweg nach Schierke. Dort wartete ein Bus auf uns, der uns wieder nach Göttingen brachte.

Der Gipfelfelsen markiert den höchsten Punkt im Norden und das Ziel der Träume für alle BC-Starter

Fazit

Eine liebevoll organisierte Veranstaltung mit Kultcharakter. Bei der Brocken Challenge steht nicht der Wettkampf im Vordergrund, sondern das Miteinander. Bemerkenswert ist auch die Finisherquote: 167 Starter kamen ins Ziel, nur 15 mussten vorzeitig aufgeben. Am Ende sind alle Sieger: In dreizehn Jahren konnte der ausrichtende Verein ASFM (Ausdauersport für Menschlichkeit e.V.) bislang 134.000 Euro an gute Zwecke überweisen – und in diesem Jahr kamen weitere 25.000 dazu. Eine großartige Leistung aller Beteiligten!

Reichert zum Dritten, Friedrich vor Müller

Den Sieg sicherte sich zum dritten Mal in Folge Florian Reichert (Team Arc’teryx; Prerace-Interview). Bei traumhaften Winterwetter erreichte Flo nach 6:52 Stunden vor Falk Hübner (7:27) und Marcel Höche (Adidas Outdoor, 7:37) als erster den höchsten Punkt des Nordens.

Siegerküsschen für den Gipfelfelsen (Foto: privat)

„Ich wusste, dass es heute schwer wird, da ich im Vorfeld mit einer Erkältung zu kämpfen hatte. In Barbis war ich noch auf Streckenrekord-Kurs. Durch den Neuschnee auf der zweiten Streckenhälfte wurde es dann aber zunehmend schwieriger, so dass ich irgendwann das Tempo etwas rausgenommen und den Lauf einfach nur noch genossen habe.“
Florian Reichert

Richtig spannend wurde es bei den Damen: Nicole „Nolle“ Friedrich (Salomon, 8:38 h) trennten im Ziel nur drei Minuten vom Streckenrekord – und fünf Minuten von der Vorjahressiegerin Antje Müller (8:43). Yvonne Lehnert (WAA, 9:15) komplettierte das Podium.

Alle Ergebnisse.

Die Sieger der 13. Brocken Challenge: Flo Reichert und Nicole Friedrich (Foto: privat)

Nicole, Glückwunsch zu deinem tollen Erfolg! Wolltest Du den Streckenrekord von Gabi Kenkenberg aus dem Jahr 2014 angreifen?

Ganz ehrlich: Zunächst vielleicht. Dann nicht mehr. Oder Doch? Keine Chance… Genau in der Reihenfolge. Ich hatte einen Wahnsinns-Respekt vor diesem Lauf und zwischenzeitlich eher Bedenken überhaupt 80 km am Stück laufen zu können. Die Bedenken haben sich dann in pure Vorfreude gewandelt, irgendwelche Zeiten sind aber völlig in den Hintergrund gerückt. Ich wusste gar nicht mehr genau, wo der Rekord eigentlich steht – hatte einfach irre Lust zu Laufen. Naja, kurz vor dem Ziel sagte Mathias, der mich auf den letzten Kilometern begleitete, irgendwas von „wenn ich jetzt noch mal Gas gebe“, oder so. Ich hatte allerdings schon ordentlich zu tun, noch einen Fuß vor den anderen zu bekommen – will nicht wissen wie entgeistert ich ihn angeguckt habe!

Bist Du von Beginn an in Führung gewesen? Wurdest Du über die Abstände informiert?

Nein, nein, ach wo! Ich hätte ja vor lauter Gequassel eher fast den Start verpasst und musste dann erst mal meine Truppe wiederfinden. Wir sind das Rennen dann zunächst wirklich defensiv angegangen. Ab VP 2 wusste ich in etwa wo im Frauenfeld ich mich befand (zu diesem Zeitpunkt 5. oder 6.?) – aber auch, wie wenig das in diesem Moment zu sagen hatte. Im positiven, wie negativen Sinn. Ein Stück nach der Tilly-Eiche rief mir jemand 3. Frau zu und in Barbis wurde mir gesagt, Antje sei noch nicht sehr lange weg. Genaue Abstände kannte ich aber nicht.

Was sind Deine nächsten Ziele?

Mitte April steht der Mount Everest Treppenmarathon an – als Damen-Dreierseilschaft. Allein traue ich mir das nicht zu. Danach möchte ich in diesem Jahr wieder am Rennsteig an der Startlinie stehen. Darauf freue ich mich jetzt schon wie verrückt, nachdem ich letztes Jahr schweren Herzens verletzungsbedingt passen musste. Im Sommer dann hoffentlich die ersten 100 km in den (hohen) Bergen – und auf dem Weg dahin ein paar regionale Schmankerl.

Lohn der Mühen: Brocken-Panorama vom Feinsten

Carsten

Von

Carsten ist seit 20 Jahren aktiver Läufer und mittlerweile fast nur noch auf Trails zu finden. Im Wettkampf läuft er bevorzugt die langen Distanzen – von UTLW bis UTMB. Die Berge hat er praktisch vor der Haustür: Carsten lebt mit seiner Familie in Zürich. Folge seinen Fußspuren auf Strava.
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5 Kommentare

  1. Patrick

    Ein wirklich toller Bericht, welcher die Veranstaltung auch immer weiter in meinen Fokus rücken lässt. Nach meiner Premiere beim #Rodgau50 Ultra in diesem Jahr, wäre das für das nächste Jahr mal eine wirklich tolle neue Herausforderung. Nolle, herzlichen Glückwunsch. Das war eine super Leistung :-)

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  2. Eric

    Danke für diesen schönen Bericht. Besonderes der Gedanke hinter dieser Veranstaltungen ist wundervoll. Glückwunsch zu dieser Leistung.

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  3. Henrik

    Die Brocken Challenge muss man wohl mal gelaufen sein. Tolle Bilder, schöner Bericht. Macht Lust auf eine „Bewerbung“ für 2017.

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