Florian Reichert beim Tromsø Skyrace (Foto: Philipp Reiter)

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Florian Reichert: „Der UTMB wäre ein Traum!“

Egal ob Klassenzimmer oder Rennstrecke: Wo Flo Reichert ist, ist vorne. Der sympathische Lehrer und Arc'teryx-Athlet wechselt so erfolgreich wie kein Zweiter zwischen Straße, Berglauf und Trail. Wir haben mit ihm über die Brocken Challenge am kommenden Wochenende, seine Einsätze im Nationaltrikot und seine Pläne für die Saison 2016 gesprochen.

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Flo, wie geht es dir und wie bist du durch den Winter gekommen?

Mein Winter und das Training seit November waren eigentlich fast perfekt – bis mich vor drei Wochen erst eine Zerrung im Oberschenkel, dann muskuläre Probleme in der Wade und jetzt auch noch eine Erkältung ein bisschen ausgebremst haben. Dennoch glaube ich, dass ich sowohl bei der Quantität als auch bei der Qualität im Vergleich zum letzten Jahr noch einmal eine Schippe drauf legen konnte. Ich habe meine Umfänge bewusst und kontinuierlich gesteigert (bis zu 190 Km/Woche), wobei ich auch die Tempoläufe und Schnelligkeit nicht vernachlässigt habe. Von daher bin ich – abgesehen von den letzten drei Wochen im Januar – sehr zufrieden.

Am Wochenende steht die Brocken Challenge an – gut 80 km von Göttingen auf den Brockengipfel im Harz. Das Rennen genießt Kultstatus in der Szene. Kannst du als Göttinger erklären, woran das liegt?

Zuallererst natürlich an der wirklich herzerwärmenden Freundlichkeit und Leidenschaft, mit der der ASFM – der Ausrichter der BC – die Veranstaltung organisiert. Seit diesem Jahr bin ich auch etwas in die Organisation mit eingebunden, war bei den Planungstreffen dabei und werde die Starterbeutel mit packen. Spätestens jetzt weiß ich: Da steckt einfach eine Menge Liebe zum Detail und echtes Herzblut in dieser Veranstaltung! Außerdem hat sich die BC ja auch ein Namen als „Ultra für Genießer“ gemacht. Das hängt nicht nur mit der schönen Strecke (besonders im zweiten Teil) zusammen, sondern auch mit der super Verpflegung an den insgesamt 10 Verpflegungsstationen entlang des Wegs hinauf zum Brocken. Zuletzt denke ich auch, dass so ein Ultra im Winter noch einmal etwas ganz besonderes ist. Die Anforderungen der BC geben ihr schon ein kleines Alleinstellungsmerkmal.

Sieg mit Streckenrekord bei der Brocken Challenge 2014 (Foto: André Lubeseder)

2014 und 2015 hast du dein Heimrennen jeweils mit neuem Streckenrekord gewonnen. Was hast du dir in diesem Jahr vorgenommen? Läufst du „nur“ auf Sieg oder siehst du noch Potential für weitere Rekorde?

Wie gesagt, meine Vorbereitung lief sehr gut, so dass ich mir auch einen neuen Streckenrekord zutraue. So wie es aussieht, wird es ja leider nichts mit einer richtig kalten und schneereichen BC. Die Bedingungen werden also „rekordtauglich“ sein. Allerdings muss ich erst noch sehen, wie gut ich die Erkrankung der letzten Woche wegstecke. Ich war schon ewig nicht mehr krank, und so fühlt es sich grad sehr merkwürdig an, mit verschnupfter Nase und Schüttelfrost rumzulaufen.

Bei unserem letzten Interview Anfang 2014 hast du offen gelassen, ob du „irgendwann die Ultra-Distanzen ernsthaft in Angriff“ nimmst. Hast du schon ernst gemacht, oder sehen wir dich demnächst vielleicht auch beim UTMB oder anderen 100-Meilen-Rennen?

Ich hatte meiner Freundin irgendwann – das war noch zu Zeiten meiner Straßenlauf-Karriere – versprochen, dass ich keine Ultras laufen werde. Mittlerweile habe ich die Brocken Challenge zweimal gewonnen, bin bei der Trail-WM in Annecy über 85 km gelaufen und baue 50 km-Läufe regelmäßig in mein Training ein. Von daher kann und will ich nicht sagen, dass ich nicht auch mal den UTMB in Angriff nehmen möchte. Das wäre schon ein Traum!

»Mich reizen die besonders steilen Rennen. Aber der UTMB wäre schon ein Traum!«

Generell denke ich, dass ich auf den ganz langen Strecken noch großes Potential habe. Immerhin habe ich hier bisher kaum Erfahrung – weder im Training noch im Wettkampf. Kurz- und mittelfristig geht’s für mich aber eher in die vertikale Höhe: Rennen mit einer großen Anzahl an Höhenmetern reizen mich einfach mehr, z.B. die Kima Trophy, das Tromsø Skyrace oder das Glen Coe Skyline Race.

Lass uns noch kurz über die vergangene Saison sprechen. Du warst unter anderem zweimal im Nationaltrikot unterwegs – bei der Trail-WM in Annecy (Platz 58) und bei der Berglauf-WM in Zermatt (Platz 13). Was war dein persönliches Highlight? Gab es auch Tiefpunkte?

Da hast du gleich zwei ganz, ganz wichtige Highlights rausgegriffen! Und ein bisschen auch den Tiefpunkt meiner Saison: Ich hatte mich sehr über die Nominierung zur Trail-WM durch DLV/DUV gefreut. Ich habe dann schon im Winter und auch nach der Brocken Challenge letztes Jahr sehr viel investiert, bin hohe Umfänge gelaufen und habe versucht, mich so gut wie möglich auf die Strecke in Annecy (mit immerhin 5.300 Höhenmetern) vorzubereiten. Von dem Rennen war ich dann unendlich enttäuscht. Bei mir ging an dem Tag schon ab dem ersten Meter fast gar nichts. Ich fühlte mich schlapp, kraftlos an den Anstiegen und habe einfach nie meinen Rhythmus gefunden… Sehr schlecht, wenn 85 km vor einem liegen!

Umso glücklicher war ich dann, als ich bei der Berglauf-WM über die Langdistanz zeigen konnte, was ich drauf habe. So eine tolle Platzierung hatte ich mir im Vorfeld nicht zugetraut, und auch mit der Zeit war ich sehr zufrieden. Das war ein ganz, ganz tolles und wichtiges Erlebnis für mich.

Ansonsten habe ich mich national sehr über den Sieg beim Hermannslauf gefreut. Die Rennen in Norwegen (Tromsø Skyrace) und Schottland (Glen Coe Skyline) waren einfach tolle Erfahrungen, wobei für mich hier mehr der Reise- und Erlebnisfaktor im Vordergrund stand und weniger die sportliche Leistung.

Bittere Erfahrung: Bei der Trail-WM im Rahmen des Maxi-Race schleppte sich Flo entkräftet ins Ziel (Foto: privat)

Höhepunkt: Bei der Berglauf-WM in Zermatt landete Florian auf einem hervorragenden 13. Platz (Foto: privat)

Welche Ziele hast du für 2016?

Nach der BC und den vielen langen Läufen im Winter möchte ich wieder ein bisschen mehr „zu meinen Wurzeln“ zurück und ein paar schnellere Kilometer machen. Mein Ziel ist, mich für die Berglauf-WM 2016 am 18. Juni in Slowenien zu qualifizieren. Durch meine Leistung bei der Berglauf-WM im letzten Jahr bin ich da schon in einer ganz guten Ausgangslage. Als Vorbereitung dazu werde ich beim Halbmarathon in Berlin am 3. April laufen, außerdem auch beim Lichtenstein Skyrace. In der zweiten Jahreshälfte stehen dann wieder die längeren Distanzen auf dem Programm, mit einem Start bei der Kima Trophy (da freue ich mich schon sehr drauf!) und – Nominierung vorausgesetzt – vielleicht einem erneuten Auftritt im Nationaltrikot bei der Trail-WM in Portugal.

International wird Trailrunning immer professioneller. Mit der Skyrunning-Serie und der Ultra-Trail World Tour konkurrieren zwei kommerzielle Formate die besten Athleten. Dazu kommen Verbände wie die ITRA und die IAAF. Das bringt zwangsläufig Konflikte mit sich. Bei der WM in Annecy z.B. gab es Ärger, weil die Veranstalter „Eliteathleten“ und „Jedermänner“ nicht im selben Feld starten lassen wollten. Siehst du die Gefahr, dass sich unser Sport von seinen Idealen entfernt und zu einer Zweiklassengesellschaft wird?

Ja, das stimmt schon. Diese Gefahr besteht, und ich fand es auch nicht gut, dass wir in Annecy vor dem „normalen“ Feld gestartet sind. So groß war das Elitefeld auch nicht, wo wäre das Problem gewesen? Andererseits gibt es unserem Sport aber auch eine neue Qualität und Ernsthaftigkeit, wenn Verbände wie die IAU/ITRA oder die WMRA/IAAF Weltmeisterschaften ausrichten, bei der sich die besten Läufer verschiedener Nationen messen können. Ich finde das sehr positiv und kann nur sagen, dass es für mich eine große Ehre war, für Deutschland bei der Trail-WM in Annecy und der Berglauf-WM in Zermatt zu starten.

»Bei der Skyrunning World Series landen nur Athleten vorne, die Flug, Hotel und Startgebühr finanziert bekommen.«

Und – sind wir mal ehrlich – bei der Skyrunning World Series landen eigentlich nur Athleten vorne, die von ihren Ausrüstern und Sponsoren die Kosten für Flug, Hotel und Startgebühr finanziert bekommen. Ansonsten wäre das bei einer weltumspannenden Serie auch kaum finanzierbar. Davon kann man halten, was man möchte. Ich bin ja selbst in der sehr, sehr glücklichen Lage, mit Arc’teryx einen starken Partner zu haben, der mich bei den Wettkämpfen unterstützt. Andererseits muss man ganz klar sagen, dass die Anwesenheit von „Profi-Athleten“ die Attraktivität von Veranstaltungen schon enorm erhöht. Auch ich fühle mich inspiriert, wenn ich über die Transvulcania, den Western States oder den UTMB lese und mitbekomme, wie viele großartige Sportler dort starten. Dann möchte ich das natürlich auch!

In Spanien, Frankreich und den USA gibt es einige Profis, die Trailrunning als Vollzeit-Job betreiben. Wenn du die Möglichkeit dazu hättest, käme das für dich in Frage? Oder ist es vielleicht sogar ein Vorteil, wenn Laufen „nur“ Hobby ist? 

Für mich kann ich ganz klar sagen, dass ich kein Profi-Läufer sein möchte und meinen Status quo sehr genieße: Als verbeamteter Lehrer mit einer vollen Stelle geht es mir sehr gut, und ich kann auch zu Rennen reisen, die mir mein Sponsor nicht bezahlt. Das ist ein Stück Freiheit, und nach wie vor ist das Laufen mein Hobby. Mein Leben geht auch weiter, wenn ich mal verletzt bin, was in unserem Sport immer mal passieren kann. Außerdem habe ich neben dem Laufen noch eine Vielzahl an Verpflichtungen, die meinen Horizont erweitern. Gleichzeitig ist es natürlich toll, im Arc’teryx-Team zu sein, da ich so leichter in manche sehr begehrte Rennen reinkomme und natürlich die ganzen tollen Produkte testen kann.

Auch in Deutschland tut sich etwas: Es gibt mehr Athleten, sowohl in der Breite als auch in der Spitze, mehr Rennen, mehr Sponsoren und auch mehr mediale Aufmerksamkeit, vor allem online. Wie siehst du die Entwicklung hier bei uns?

Die Richtung stimmt auf jeden Fall. Die Leistungsdichte wird höher und ich freue mich über jedes neue Rennen. Das Thema Social Media sehe ich aber durchaus auch kritisch. Wer mich kennt weiß, dass ich verhältnismäßig wenig auf Facebook, Twitter oder Instagram unterwegs bin. Das hängt einerseits damit zusammen, dass ich im Alltag gar nicht dazu komme, ständig etwas zu posten, da mich mein Job schon ziemlich in Anspruch nimmt. Die freie Zeit die mir bleibt, verbringe ich lieber in der Natur und beim Training.

»Ich halte es nicht für glaubwürdig, was manche Athleten im Netz von sich geben.«

Andererseits halte ich es auch nicht für glaubwürdig, wenn manche Athleten jeden zweiten Tag einen Post über ein hartes Intervalltraining oder einen Tempodauerlauf ins Netz stellen – natürlich immer mit persönlicher Bestzeit und Höhenmeterrekord! Ich kann so etwas mittlerweile nicht mehr wirklich ernst nehmen. Aber natürlich gibt es auch viele positive Beispiele: Interessante Berichte, Fotos und Videos, die inspirieren und sicherlich dazu beitragen, dass sich mehr Menschen für unseren Sport interessieren.

Hendrik

Von

Hendrik ist leidenschaftlicher Trailrunner und Gründer des TrailBlog. Neben kurzen, steilen Rennen reizen ihn lange Touren auf eigene Faust in den Bergen. Hendrik ist ASICS Frontrunner und wird unterstützt von Garmin, SZIOLS und ultraSPORTS. Folge ihm auch auf Strava, Twitter und Instagram.
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