Interview  

Florian Reichert – Der Vielseitige

Florian Reichert hat gut Lachen: Seit letztem Jahr startet er für das Team Arcteryx in der Skyrunning-Serie. Und auch 2014 könnte für ihn bislang kaum besser laufen: Nach seinem Sieg bei der Brocken Challenge gewann der sympathische Göttinger auch den Indoor Trail in Dortmund – zum dritten mal in Folge. Am Rande der Veranstaltung sprach Florian mit mir über seine Karriere als Straßenläufer und seine erste Skyrunning-Saison. Und er verrät, mit wem er im Herbst beim Transalpine-Run an den Start gehen wird.

Florian, Du läufst auf hohem Niveau, seitdem du 12 bist. Wie bist du damals zum Laufen gekommen?

Ja, ich habe mit 12, 13 angefangen – ganz klassisch im Leichtathletik-Verein. Über die 1.500 m war ich sogar ein paar mal im Endlauf bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Aber ich habe schnell gemerkt, dass meine Stärken auf den längeren Strecken und im Crosslauf liegen.

Die meisten Jungs in dem Alter spielen lieber Fußball. Wer oder was hat dich für das Laufen begeistert?

Ich hatte mit Markus Pingpank einen super Trainer, zu dem ich heute noch engen Kontakt habe. Markus war Anfang der neunziger Jahre selbst ein sehr erfolgreicher Langstreckler, mit einer Bestzeit von 28:36 min über 10.000 m. Als ich 1994/95 angefangen habe, hatte er gerade das Traineramt in meinem Heimatverein in Barsinghausen bei Hannover übernommen und die Leichtathletik-Sparte eigentlich erst richtig aufgebaut.

Und es war auch der Trainer, der dich motiviert hat, dranzubleiben?

Ja, absolut. Er hat durch seine Erfolge den Spaß an der Leistung vermittelt. Und dann kamen bald auch die ersten eigenen Erfolge: Landesmeister, Dritter bei den Deutschen Crossmeisterschaften – das waren coole Erlebnisse und dann bin ich einfach dabeigeblieben. Gegen Ende der Schulzeit hatte ich mal ein, zwei Jahre, in denen ich leistungsmäßig ein bißchen stagniert habe. Nach dem Zivildienst war ich dann ein Jahr in Australien, bin viel rumgereist und habe nur nach Lust und Laune trainiert. Aber der Leistungssport hat mir gefehlt. Als ich in Göttingen mit dem Studium begonnen habe, habe ich deshalb auch wieder angefangen, richtig zu trainieren. In den letzten Jahren habe ich mich zunehmend hin zu den längeren Strecken und dann Richtung Trail orientiert. Das war eine fortschreitende Entwicklung.

Du hast also eine klassische Leichtathletik-Karrie hinter dir. Deinen ersten – und bislang einzigen – Straßen-Marathon bist du 2012 in 2:26 h gelaufen, das können nicht viele in Deutschland von sich behaupten. Wie kam es dazu?

Mein Marathon-Debüt ist aus einer Verabredung mit zwei Vereinskameraden entstanden. Die beiden wollten damals gerne mit einer Mannschaft bei den Deutschen Meisterschaften in München starten und haben noch einen dritten Mann gesucht. Da habe ich gesagt: Ich werde dieses Jahr 30, dann kann ich eigentlich auch mal meinen ersten Marathon laufen. Das hat dann tatsächlich ganz gut geklappt. Wir haben den Mannschaftstitel geholt und ich war mit meiner Zeit sogar der Schnellste von uns Dreien.

Was hat dich trotzdem dazu bewogen, auf die Trails umzusteigen?

Unser Team ist nach der Meisterschaft etwas auseinander gebrochen, weil der Älteste von uns mit dem Titel seine Leistungssport-Karriere beenden wollte. Und ich hatte schon während eines Trainingslagers 2009 in Davos gemerkt, dass mir das Laufen in den Bergen liegt. Ich konnte damals den Halbmarathon beim Swiss Alpine mit neuem Streckenrekord gewinnen. Das hat wirklich Spaß gemacht. Der Marathon war auch super, keine Frage. Aber Trailrunning ist einfach noch mal eine ganz andere Dimension, gerade wenn man in diesen grandiosen Berglandschaften laufen kann.

Sieg mit Streckenrekord bei der Brocken Challenge 2014 (Foto: André  Lubeseder)

Sieg mit Streckenrekord bei der Brocken Challenge 2014 (Foto: André Lubeseder)

Mitte Februar hast du die Brocken-Challenge gewonnen und nebenbei mal eben den Streckenrekord um über 40 Minuten verbessert – bei deiner Ultramarathon-Premiere. Da erübrigt sich eigentlich die Frage, aber wie ist es dir jenseits der Marathondistanz ergangen?

Richtig gut, das hat mich selbst überrascht. Ich habe im Winter ab und an mit Lars Donath trainiert, dem bisherigen Streckenrekordhalter und einem erfahrenen Ultraläufer. Der hat mir immer von der Brocken Challenge vorgeschwärmt. Da ich im Winter eh große Umfänge trainieren muss, passte mir das Rennen auch gut als Ziel in den Plan. Im Training habe ich zwar schon das eine oder andere mal geflucht, wenn ich nach 4 oder 5 Stunden richtig platt war. Aber im Rennen lief es dann wirklich super. Auch mit der Ernährung unterwegs hatte ich keine Probleme. Was mich eigentlich am meisten freut: Dass offenbar beides geht – Brocken Challenge und Indoor Trail.

Wie sieht deine weitere Saisonplanung aus?

Eigentlich geht die Saison jetzt erst richtig los. Am 27. April starte ich beim Hermannslauf. Da will ich mir noch mal Tempohärte unter Wettkampfbedingungen holen. Am 25. Mai beginnt dann die Skyrunning-Saison mit dem ersten Rennen in Zegama. In der Serie werde ich außerdem bei Sierre-Zinal und beim Matterhorn Ultraks starten. Dazu kommen noch die Skyrunning World Championchips im Rahmen des Mont Blanc Marathons. Dort konnte ich ja letztes Jahr schon einmal auf Platz 9 laufen. Mein Ziel ist es, darauf in dieser Saison aufzubauen und mich langfristig in den Top Ten zu etablieren.

Florian auf dem Weg zu seinem dritten Sieg beim Ecco Indoor Trail

Florian auf dem Weg zu seinem dritten Sieg beim Ecco Indoor Trail

Du hast es ja schon angesprochen – Vielseitigkeit ist eine deiner Stärken. Hier beim Indoor-Trail rennst du seit der ersten Austragung allen davon. Deine Erfolge hier haben dir letztes Jahr auch die Tür zum internationalen Arcteryx-Team geöffnet. Wie war das – hast du einen Anruf bekommen und wurdest gefragt, ob du für die Marke in der Skyrunning-Serie starten möchtest?

Ja, so ungefähr. Der Gripmaster (Stephan Repke) hat den Kontakt vermittelt. Arcteryx hat zu dem Zeitpunkt gerade ein internationales Team für die Skyrunning-Serie zusammengestellt und ich hatte das große Glück, als deutscher Vertreter dabei sein zu dürfen.

Da überlegt man nicht lange, oder?

Nein, das Angebot kam wirklich genau im richtigen Moment. Und ich fühle mich sehr wohl im Team. Wir sind ja im Vergleich zu Salomon oder inov8 ein eher kleines Team. Aber dadurch ist es sehr familiär. Klein, aber fein, sozusagen.

»In der Leichtathletik ist es so, dass man sich gegenseitig mit dem Arsch nicht anguckt. In der Trail-Szene herrscht eine ganz andere Atmosphäre.«

Wie hast du deine erste Skyrunning-Saison erlebt? Gibt es ein Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Was mich wirklich beeindruckt hat, ist die Internationalität dieser Serie. Man kommt mit interessanten Menschen aus der ganzen Welt zusammen, um gemeinsam über die Berge zu laufen. Da schließt man schnell Freundschaften. Grandios war das Finale in Limone am Garda-See. Das ist unvorstellbar schön, wenn man mehr oder weniger von der Uferpromenade auf 2.000 m hoch läuft. Aus sportlicher Sicht war sicherlich der Mont Blanc Marathon das Highlight. Im zweiten Saisonteil hatte ich etwas Probleme mit einer Fußverletzung, aber der 21. Platz in Limone war ein versöhnlicher Abschluss. Für die erste Saison war das schon super.

Wie wurdest du als Berglauf-Rookie von den anderen aufgenommen? Wie ist das, wenn man plötzlich neben Legenden wie Kilian Jornet oder Marco Gasperi an der Startlinie steht?

Ich habe ja jetzt beide Welten erlebt. In der Leichtathletik ist es wirklich so, dass man sich gegenseitig mit dem Arsch nicht anguckt, um es mal übertrieben auszudrücken. Das ist sehr individualistisch, teilweise sogar egoistisch. In der Trail-Szene herrscht eine ganz andere, familiäre Atmosphäre. Das gilt auch für die Topläufer, da ist keiner abgehoben. Ich wurde sozusagen gleich in die Familie aufgenommen.

In Spanien, Frankreich und Italien hat Trailrunning einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Sierre-Zinal wurde letztes Jahr drei Stunden lang live im Schweizer Fernsehen übertragen. In Zegama gab es dieses Jahr über 4.000 Anmeldungen – für 250 Startplätze. Wie erklärst du dir diese Begeisterung?

Ich glaube, das ist eine Frage der historischen Entwicklung. In den Bergregionen dort hat der Sport eine lange Tradition. Wir haben zwar in Deutschland den Berglauf, aber der hat ein eher altbackenes Image und ist technisch nicht besonders anspruchsvoll. Da geht’s nur darum, wer als erstes oben ist. Trailrunning ist eine ganzheitliche Disziplin: Wir müssen den Berg hoch, aber eben auch wieder runter. Dementsprechend sind auch die Distanzen länger.

Gipfelstürmer: Mont Blanc Marathon 2013 (Foto: Privat)

Gipfelstürmer: Mont Blanc Marathon 2013 (Foto: Privat)

Göttingen ist ja nicht gerade alpines Terrain. Wie trainierst du da für „technische“ Trails oder lange, steile Downhill-Passagen?

Das ist wirklich schwierig. Da merke ich, dass ich gegenüber Läufern, die in den Bergen leben und trainieren, klar im Nachteil bin. Ich komme aber ganz gut den Berg rauf, und das kann ich im Training durch Intervalle simulieren. Was das Bergablaufen angeht, versuche ich einfach, über die Wettkämpfe die nötige Erfahrung zu sammeln.

Die Skyrunning-Serie führt dich in einige der schönsten Gegenden Europas. Ist das für dich auch ein Motivationsfaktor über die sportlichen Aspekte hinaus?

Ja, das ist auf jeden Fall so. Das ist im Moment das Beste, was ich mir vorstellen kann. Ich kann das machen, was mir Spaß macht: In den Bergen laufen und dabei auch noch diese tollen Landschaften und die Menschen dort kennenlernen. Das ist eine riesige Motivation für mich. Das hat mich gerade jetzt im Winter immer angetrieben, auch wenn das Wetter draußen mies war.

Du bist Lehrer für Englisch, Spanisch und Sport – da müssten die Reisen zu den Rennen ja eigentlich fast als Fortbildung durchgehen, oder? Wie bringst du Job und Leistungssport unter einen Hut?

Ich habe das große Glück, dass ich eine Schulleitung habe, die mich dabei unterstützt. Und liebe Kollegen, die mich ab und an vertreten. Wenn ich z.B. in Zegama an einem Sonntag ein Rennen laufe, kann ich am Montag natürlich nicht um 8 in Göttingen in der Schule sein. Ohne diese Unterstützung ginge es nicht.

Jeder Läufer hat eine Liste mit Rennen im Kopf, die er unbedingt einmal laufen möchte. Welche Rennen stehen auf deiner Liste?

Einen großen Traum erfülle ich mir im Herbst: Zusammen mit Tom Wagner starte ich beim Transalpine-Run. Ansonsten schaue ich einfach mal, in welche Richtung meine Entwicklung geht und ob ich irgendwann die Ultra-Distanzen ernsthaft in Angriff nehme. Zur Zeit fühle ich mich auf Distanzen um den Marathon noch sehr gut aufgehoben. Da muss ich sagen, dass ich mit Zegama und dem Mont Blanc Marathon schon ein paar Highlights auf meiner Liste “abgehakt” habe. Aber langfristig würde ich gerne mal ein Rennen in den USA laufen. Und andere Etappen- oder Mehrtagesrennen fände ich auch sehr spannend.

Florian, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für deine Saison 2014!

   ,

Von

Trailrunning ist für mich die perfekte Verbindung von Ausdauersport und Naturerlebnis. Ich liebe es, die Welt in Laufschuhen zu entdecken. Folge meinen Fußspuren auf Strava und Instagram.

Deine Meinung zählt!


We Run The Trail! Du auch?