Königssee-Umrundung

Der Königssee ist so eine Art Neuschwanstein aus Wasser: Ein blau-weißes Klischeemotiv, das wie ein Magnet auf die Touristenmassen wirkt. Anders als das kitschige Schloss im Allgäu ist der Königssee aber auch für uns Trailrunner ein echter Hotspot. Die "Königstour" führt über rund 38 km und 2.700 Hm einmal rund um den See.

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Der Königssee ist so eine Art Neuschwanstein aus Wasser: Ein blau-weißes Klischeemotiv, das wie ein Magnet auf die Touristenmassen wirkt. Anders als das kitschige Schloss im Allgäu ist der Königssee aber auch für uns Trailrunner ein echter Hotspot. Die „Königstour“ führt über rund 38 km und 2.700 Hm einmal rund um den See.

Nach dem Toubkal im Februar hatte ich mir die Königssee-Umrundung als zweites Projekt für 2014 vorgenommen. Nicht ganz unschuldig daran: Trailsoldat und local hero Steve, der sich auch gleich als Begleiter anbot. Schon seit Jahren verfolgen wir gegenseitig unsere Blogs, was gibt es da Besseres als eine gemeinsame Tour auf Steves Lieblingsrunde?

Als wir am Samstag um halb neun am Parkplatz der Jennerbahn starten, liegt der See noch wie ausgestorben da. Und auch das Wetter ist wie gemalt für unser Vorhaben: Der dichte Nebel vom Vortag löst sich kurz vorher in Wohlgefallen auf. Als hätte da jemand das Licht für uns angeknipst!

Die ersten sieben Kilometer führen auf breiten Forstwegen zur Priesbergalm. Dass es trotzdem nicht langweilig wird, liegt nicht nur an den 800 Höhenmetern dazwischen. Wir lassen es locker angehen, machen immer wieder Fotopausen und tauschen uns unterwegs über den neuesten Trail-Gossip und das Leben abseits der Trampelpfade aus. Wie erwartet sind wir sofort auf einer Wellenlänge. Schon cool, wenn man mit einem Typen aus dem Netz durch die Gegend rennt, als wäre es ein alter Bekannter!


Höchster Punkt der Strecke auf dem Hochgschirr (1.951 m)

Oberhalb der Priesbergalm wird es nach einem kurzen Stück Bilderbuchtrail schwieriger als gedacht. Aus vereinzelten Schneefelder wird irgendwann eine geschlossene Schneedecke, die uns zum Teil buchstäblich bis zur Hüfte steht. Mit so viel weißem Zeug hatten wir Ende Mai dann doch nicht gerechnet! Der Aufstieg im tiefen Schnee saugt die Kraft aus den Oberschenkeln wie Kettenraucher am Glimmstengel. Meine Stöcke hatte ich natürlich im Auto gelassen. Und wo sind eigentlich die Schneeschuhe, wenn man sie mal braucht?

Dafür werden wir oben auf dem Hochgschirr mit einem Postkartenpanorama belohnt. Offenbar sind wir die ersten, die seit dem letzten Schneefall hier oben waren. Nur ein paar Gamsspuren sind zu sehen. Der Abstieg durch den Tiefschnee ist dann zwar weniger kräftezehrend, aber die scharfen Eiskristalle schneiden sich solange in die Schienbeine, bis es blutet. Trailrunning ist eben nicht Hallenhalma. Vielleicht sollte ich mal diese Kompressionsstrümpfe probieren? ;-)


Der Obersee zeigt sich von seiner schönsten Seite

Unterhalb der Schneegrenze ist der Trail dann wieder ein Trail. Was uns der Schnee oben an Speed geklaut hat, holen wir uns hier auf den engen Serpentinen im Downhill zurück. Awesome! Im letzten, extrem steilen Stück zum Obersee wird es nochmal haarig. Der schmale Pfad ist durch Geröllabgänge stark beschädigt und an manchen Stellen kaum noch als solcher zu erkennen. Die reißenden Schmelzwasserrinnen sorgen auch nicht gerade für mehr Trittsicherheit. Irgendwie schaffen wir es aber heile runter. Auf halbem Weg begegnet uns zum ersten mal seit Stunden wieder ein menschliches Wesen. Genauer gesagt zwei, denn wie aus dem Nichts sitzt da plötzlich ein Wanderpärchen mitten auf dem Trail. Ein ziemlich gewagter Rastplatz, denn auf unserem Weg nach unten haben wir unweigerlich weiteres Geröll gelöst, das links und rechts von den beiden abgeht.

Am Bootsanleger St. Bartholomä dann der endgültige Zivilisationsschock: Ganze Horden von Touristen, die uns anstarren wie Außerirdische. „Wer sind diese Typen und was wollen die hier?!“, das fragen sich in diesem Moment wohl beide Seiten. Nach einem halben Liter Spezi und einer Brezn entscheiden wir uns für den geordneten Rückzug. Der einzige Fluchtweg führt fast senkrecht nach oben: Über 500 Hm auf nicht mal 2 km Wegstrecke sind schon auf dem Papier verdammt steil. Mit einer ¾-Seeumrundung in den Beinen wird dieses Stück zur echten Nagelprobe. Der „Scharfrichter“ macht Ernst – keine Gnade für die Wade!

Oben noch ein kurzer Blick von der Archenkanzel und dann auf direktestem Weg zurück auf Los. Denn die Gewitterwolken, die inzwischen aufgezogen sind, werden immer dunkler. Nach ziemlich genau siebeneinhalb Stunden stehen wir wieder am Ausgangspunkt der Tour (reine Laufzeit 5:41 h). Wir sind ohne jeden Zeitdruck gelaufen und die Bedingungen waren heute sicher nicht optimal. Die 4:54 h, die Stephan Tassani-Prell hier vor 5 Jahren auf den Trail gezaubert hat, bekommen für mich damit trotzdem nochmal eine ganz neue Dimension.

Meine erste Königssee-Umrundung war ein Erlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde. Es wird sicher nicht die letzte gewesen sein. Danke Steve!

Steves Tourenbericht findet ihr hier. Und hier geht’s zum GPS-Track auf Strava.

39,62 km
Distanz
4.501 m
Anstieg
4.500 m
Abstieg
GPS-Download
Hendrik

Von

Hendrik ist leidenschaftlicher Trailrunner und Gründer des TrailBlog. Neben kurzen, steilen Rennen reizen ihn lange Touren auf eigene Faust in den Bergen. Hendrik ist ASICS Frontrunner und wird unterstützt von Garmin, SZIOLS und ultraSPORTS. Folge ihm auch auf Strava, Twitter und Instagram.
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11 Kommentare

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  1. Steve

    Es war mir eine Ehre!

    Gerne, jederzeit wieder! Ich melde mich, wie besprochen, 6 Stunden vorher! ;-)

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  2. Niklas

    In 7 Stunden locker um den Königssee? Ihr seid echt krass! Wie immer tolle Fotos und ein Bericht, der richtig Spaß macht beim lesen. Danke dass du uns auf diese Weise an deinen Abenteuern teilhaben lässt!

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  3. Christian

    Übrigens: auch ums kitschige Allgäuer Schloss gibt’s tolle Trails ;-)

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    • Hendrik

      Hendrik

      Na klar, die Allgäuer Trails sind super! Nur das Schloss ist halt nicht so mein Ding :-)

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  4. Sabrina

    Steht bei uns am kommenden Donnerstag auf dem Programm.

    Natürlich auch mit Steve! :)

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  5. Christian Schlagbauer

    Servus! Wir haben uns beim UTLW 2015 beim Laufen kennengelernt :) ich werde kommenden Mittwoch, 22.06. die Runde mal laufen! Grüße aus Ingolstadt

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    • Hendrik

      Hendrik

      Servus Christian, wünsche dir viel Spaß! Schreib mal, wie die aktuellen Bedingungen sind.

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      • Torsten Wredenhagen

        Hi Christian,
        sind es bei der Königssee Umrundung 2.700 Hm oder 4.500 Hm?
        Für mich ein wesentlicher Unterschied. Grüße Torsten

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