Gastbeiträge / Trails Mittelmeer       1

Oh wie schön ist Korsika

Korsika ist ein Trailrevier wie aus dem Bilderbuch: Ursprünglich, wild, mit steilen Bergen und endlosen Trampelpfaden. Benjamin Sperl nimmt uns mit auf die schönsten Trails der Île de Beauté.

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Was ist es eigentlich, was uns Trailrunner antreibt? Ich glaube, es geht darum, Freiheit zu erfahren, in unberührter Natur den ersten Schritt zu wagen, seine Grenzen auf neuen Wegen auszutesten, den Puls hochzutreiben – durch die körperliche Anstrengung, durch die atemberaubende Umgebung. Genau das haben wir auf der Île de Beauté getan!

Text und Fotos: Benjamin Sperl

Man erkennt am Duft der Insel, dass es sich um Korsika handelt – und das schon von der Fähre aus. Ab Livorno (Italien) geht es mit dem Schiff über das Mittelmeer. Das Auto randvoll mit Klamotten, Trailaccessoires und Schuhen. Was wir von der Insel wissen? Vom Strand bis ins Gebirge sind es nur wenige Kilometer. Das wollen wir selbst erfahren. Gegen 23 Uhr hallt es aus den Lautsprechern der Nachtfähre in gebrochenem Englisch: „Aufstehen – zum Auto – Hafen – Korsika“. Kurz darauf nehmen wir den eigentümlichen Duft der Insel wahr. Thymian und Mandeln, vermischt mit Schweiß und dem billigem Parfùm der Luxusladies auf dem Deck neben uns. Im Hafen von Bastia angekommen, werden wir von lauter Diskomusik auf die zweistündige Fahrt nach Calvi begleitet.

Schließlich erreichen wir die Statue der Madonna auf einem Berggipfel etwa 400m über Calvi. Durch die vor Müdigkeit zusammengekniffenen Augen verschwimmen die Lichter der pulsierenden Stadt unter uns. Es ist eine tropische Nacht, das Thermometer zeigt gefühlte 35 °C. Deshalb schlafen wir im Freien und nur auf einer Decke. Die verhindert leider weder, dass die einheimischen Riesenameisen über uns klettern, noch, dass die Steine darunter tattooartige Abdrücke auf unseren Körpern hinterlassen. Dann geht die Sonne über den Berggipfeln auf und taucht alles in Farbe. Wir nutzen die Gelegenheit, noch in Flip Flops den ersten Berg zu erklimmen. Ein Wahnsinnsgefühl. Schnell an der nächsten Quelle die Zähne geputzt und runter ins Camp „Zum störrischen Esel“.

Wie beschreibt man diese Herberge am besten? Vielleicht so: Der „störrische Esel“ ist eine rustikal-familiäre Outdoorfreakshow. Alles ziemlich skurril, alles ziemlich sympathisch. Vom Störrischen Esel aus kann man über den Strand direkt ins Gelände laufen. Hinter der Stadt, noch schräg oberhalb unseres freinächtlichen Schlaflagers liegt der Capu di a Veta. Die eher baumkarge Landschaft lässt weite Einblick ins Gelände zu. In der Ferne zeichnen sich feine Linien ab, die wir als Trails deuten.


Die Mission für den nächsten Morgen lautet, den Sonnenaufgang vom Gipfel des Berges zu bestaunen. Also Laufrucksack auf, Stirnlampe an, iPod auf shuffle und ab ins Gelände. Nach ca. 1 km Straße bemerke ich, wie der Untergrund von hart zu sandig wechselt. Die Nacht ist stockdunkel – keine Sterne, kein Mond, aber immer noch die gleichen Mücken. Ein breiter Weg mit tiefen Wasserrillen, jede ein Trail für sich, verläuft ins Nirgendwo. Zum Glück erinnere ich mich an ein wegweisendes Zitat des Gripmasters: „Im Zweifel immer den schmaleren Pfad“. Diesen Rat beherzige ich und biege auf den nächsten kleineren Trail ab. Der zieht sich steil bergauf, durchlöchert mit kleinen Wasserauffangbecken, kratzigen Sträuchern und Spinnenweben über die ganze Breite des Weges. Immer wieder leuchten mich unbekannte Augen aus der Ferne an, die sich später als kleine Echsen oder aufgeschreckte Kaninchen entpuppen. Vorbei an einer eingefallenen Hütte erreiche ich die letzte Terrasse vor dem Gipfel.

Von hier aus kann ich plötzlich ein schönes und zugleich erschreckendes Naturschauspiel beobachten: Draußen auf dem Meer schlagen im Sekundentakt Blitze ins Wasser, die stetig näher zu kommen scheinen. Da der Gipfel noch lange nicht in Reichweite ist, muss ich meine Expedition abbrechen. Eine weise Entscheidung, wie sich bald herausstellt, denn nur wenige Minuten später verfärben sich die Wolken über mir von dunkel zu tiefschwarz und es schüttet wie aus Eimern. Ein solcher Wetterumschwung ist auf Korsika nichts ungewöhnliches, sagt mir der Bergführer im Camp.

Also ein neuer Versuch am nächsten Morgen. Die sandigen Trails habe ich hinter mich gebracht und stehe nun vor großen Gesteinsbrocken mit roten Markierungen. Ich folge ihnen und werde mit einem echten Funtrail belohnt. Ständig wechsele ich zwischen individueller Berglauftechnik mit den Händen auf den Knien, Speedhiking und Klettern. In Gedanken finde ich mich in einem Skyrace neben Kilian wieder. Kurz vor Sonnenaufgang stehe ich am Gipfelkreuz und hinterlasse im Gipfelbuch eine obligatorische Dankesrede. Es ist 5:37 Uhr und ich nehme mir noch eine Viertelstunde Zeit, den Ausblick zu genießen. Zwei weitere Läufer trudeln ein, mit denen ich mich kurz per Hand und Fuß verständige.

Dann verlasse ich den Summit mit ausgebreiteten Flügeln und fliege von Stein zu Stein. Irgendwo in der Sandpassage stolpere ich über Legionäre in voller Montur: Großer Rucksack, Tarnfarbe im Gesicht, Gewehr angelegt und Marsch Marsch. Mit einem lautem Brüller, erlernt in meiner Bundeswehrkarriere, verschaffe ich mir Gehör und Raum, denn der Pfad lässt kaum Platz für zwei. Während im Störrischen Esel alles noch schläft, wandere ich fröhlich aber geschafft wieder ein und überfalle als Erster das Frühstücksbuffet.

Die nächsten Tage erkunde ich zusammen mit meiner Freundin das weitläufige Gelände und wir sind erstaunt, welch tolle Trails man zwischen den Dünen laufen kann. Zwar hat man Sand in den Schuhen wie nach einem asiatischem Peeling im Gesicht, aber der Spaßfaktor ist hoch. Hin und her, rechts und links, hoch und runter, mal Wurzeln, mal Wasser – ein ideales Kraftausdauer-Training.

Die erste Woche verbringen wir immer wieder im Bonifacio-Gebirge und erkunden Traumtrails, bevor wir in der zweiten Woche die Reise gen Süden an die Ostküste antreten. Auf der Autofahrt einmal quer durch’s Land zeigt sich die Korsika als verspielte, single-trail-durchzogene Insel. Eigentlich kann man direkt aus dem Auto hüpfen, denn hinter jeder Steilkurve wartet ein neuer Spielplatz für Trailrunner. Man läuft ein paar Meter auf gewöhnlichen Wegen, bevor man wie in Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ in immer neue Welten eintaucht. Raus aus den zugewachsenen Trails eröffnet sich oft eine urzeitliche Landschaft, in der eigentlich nur noch die Dinosaurier fehlen. Man durchläuft Wasserfälle, klettert steile Passagen und gönnt sich einen Moment der Ruhe, während über einem die Adler beginnen, ihre Kreise zu ziehen. Dann fragt man die nächste Bergziege nach einem Drive-In, weil man soweit gelaufen ist, dass die Verpflegung längst aufgebraucht ist. Aber genau das macht den Reiz dieser Insel aus: Auf jedem Weg ein neues Abenteuer. Trail Running eben!

Trailtipp: GR 20

Mit guter Ausrüstung, viel Zeit und hoher Schmerztoleranz kann man sich dem 170km langen und von Nord nach Süd verlaufenden Höhenwanderweg GR 20 widmen (siehe Karte oben). Im Reiseführer wird er teils als gefährlich eingestuft, nicht zuletzt wegen der schnellen Wetterwechsel und der wilden Tiere. Man kann aber auch an vielen Stellen einen schnellen Einstieg finden und nur Teile des Weges ablaufen. Laufenswert ist er allemal, da man einige der höchsten Gipfel der Insel erstürmt und von dort einen atemberaubenden Ausblick genießen kann. Achtung: Wer in den Berghütten entlang des Weges übernachten möchte, muss unbedingt vorher reservieren.

Benjamin

Von

Benjamin lebt in Kassel und kennt die Trails im Bergpark Wilhelmshöhe wie kein Zweiter. Sein Motto: Jeder Gipfel ist ein Abenteuer. Folge ihm auf Facebook, Instagram und im Web.
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1 Kommentar

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  1. Markus

    Korsika hatte ich im Bezug aufs Laufen noch überhaupt nicht auf dem Radar. Vielen Dank für die Tipps!

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