Stephan Hugenschmidt: „Langweilig wird es sicher nicht!“

Carsten

Text 
Fotos Hendrik Auf'mkolk

Athleten / Interviews

Stephan Hugenschmidt wurde 1986 in Radolfzell am Bodensee geboren. Nach dem Abitur studierte er Maschinenbau in Konstanz. Anschließend zog es ihn beruflich in die Schweiz, wo er seitdem als Entwicklungsingenieur arbeitet und nebenbei perfekte Trainingsbedingungen vorfindet. Im Interview erklärt uns "Hugi" seine sportliche Entwicklung und warum ihm 100-Meiler eigentlich zu lang sind.

Kommentieren
Hallo Stephan, das letzte Mal haben wir uns vor rund drei Wochen beim Scenic Trail getroffen. Hast Du Dich gut erholt nach Deinem Sieg?

Beim Scenic Trail hatte ich ja ganz schön zu kämpfen in diesem Jahr. Mit ein Grund war sicher, dass ich mich vom letzten Wettkampf (Trail Monte Soglio) noch nicht richtig erholt habe und dementsprechend war ich im Ziel richtig platt. In den Tagen und Wochen danach habe ich es etwas ruhiger angehen lassen und bin öfters mit dem Velo gefahren. Ich denke das war sehr hilfreich, zumindest fühle ich mich wieder ganz gut.

Vielleicht fangen wir mal ganz von vorne an. Wann und wie hat das mit der Lauferei bei Dir angefangen?

Als Kind war ich in der Leichtathletik und habe ab und zu mal meinen Vater begleitet, der ebenfalls passionierter Läufer war und ist. In meiner Jugend war ich dann hauptsächlich als Skirennläufer (alpin) aktiv, da war Laufen und Mountainbiken das Sommertraining, um im Winter wieder fit zu sein. Mit der Zeit hat das immer mehr Spass gemacht und das Laufen wurde dann zu meiner Hauptsportart. Damals habe ich auch aufgehört mit den Skirennen und habe ab und zu mal bei regionalen Läufen mitgemacht. Richtig gut war ich aber nicht und besonders Spass gemacht hat mir das auch nicht. Der Virus hat mich eigentlich erst gepackt, als ich die ersten Ausflüge in die Berge mit meinem Vater gemacht habe. Wir hatten damals keine Ahnung von Trailrunning und sind bei unseren Wochenendausflügen in den Alpen mit den Strassenschuhen in den Bergen rumgerannt. Ich habe dann auch bei dem einen oder anderen Berglauf mitgemacht, habe es aber nie toll gefunden, dass die Wettkämpfe oben aufgehört haben. Naja und dann habe ich nach Wettkämpfen gesucht, bei denen man hoch und runter rennen muss und die ruhig auch etwas länger sein können…

Ein eingespieltes Team: Stephan mit seinem Vater beim Ultratrail Lago d’Orta (Foto: Fabio Rovellotti)

Und dann bist Du 2012 in die Schweiz gezogen. War das eine berufliche oder eine sportliche Entscheidung?

Das war eigentlich eine rein berufliche Entscheidung. Ich habe mein Praxissemester bei einem Schweizer Unternehmen gemacht und die haben mich nach dem Studium dann übernommen. Natürlich habe ich mir das Unternehmen auch ausgesucht, weil es mir in der Schweiz gefällt, aber zur damaligen Zeit war ich noch kein so ambitionierter Sportler. Im Nachhinein kann ich natürlich sagen, dass ich die beste Entscheidung getroffen habe. Ich fühle mich hier sehr wohl, unabhängig von den perfekten Trainingsbedingungen.

Du hast schon so viele Läufe gewonnen. Welchen würdest Du selbst als Deinen größten sportlichen Erfolg einstufen?

Es fällt mir schwer mich da auf einen einzigen Wettkampf festzulegen. Drei Wettkämpfe stehen da auf der gleichen Stufe: Zum einen der ZUT, weil es mein erster und bisher einziger 100 km-Lauf war und ich dort den Streckenrekord geknackt habe. Dann die Transvulcania 2014, weil ich dort als Neuling international bekannte Spitzenathleten überholen konnte und ich einfach den perfekten Wettkampftag hatte. Und auch die Transvulcania 2016, weil ich dem Druck standgehalten habe und meine Leistung von 2014 sogar noch etwas verbessern konnte.

Wie Du gerade schon erwähnt hast konntest Du Deine Leistung von vor zwei Jahren sogar noch verbessern. Was war anders?

Mit dem Ergebnis bin ich wahnsinnig zufrieden. Aber ja, das Rennen war anders als 2014. Ich habe mich selbst ziemlich unter Druck gesetzt, wollte die Erwartungen an mich erfüllen. Dementsprechend war es kein lockeres Rennen, eher ein hartes Stück Arbeit.

Stephan Hugenschmidt triumphiert beim ZUT 2014 (Foto: Mo Garhammer / UVU)

Ende August steht bei Dir der UTMB auf dem Programm. Hast Du Dein Training im Vergleich zu den vorherigen Jahren speziell darauf angepaßt?

Nein, ich habe nichts geändert. Und um ganz ehrlich zu sein: Im Moment zweifle ich, ob ich bereit bin für den UTMB. Mich schreckt diese endlose Distanz ab. Am liebsten sind mir Wettkämpfe zwischen 50 und 90 km. Da fühle ich mich wohl. Ich würde mich auch als Trailläufer bezeichnen. Aber 170 Kilometer? Das ist einfach zu viel für mich. Warum bin ich dann trotzdem gemeldet? Vielleicht, weil man als (Ultra-) Trailläufer einfach mal beim UTMB mitgemacht haben muss? Vielleicht, weil ich es versuchen möchte, wenn ich körperlich am fittesten bin?

Ich wünsche Dir an dieser Stelle schon einmal ganz viel Erfolg und finde es klasse, wie offen Du antwortest. Welche Läufe neben dem UTMB stehen noch so auf Deiner Bucket List?

Oh, da gibt es einige! Eigentlich möchte ich bei allen grösseren Ultratrails in den Alpen mal mitmachen. Mittlerweile gibt es ja so viele, dass es mir in den kommenden Jahren nicht langweilig werden sollte (lacht).

Da stellt sich natürlich automatisch die Frage: Wie läßt sich das Training auf solch hohem Niveau mit der Arbeit kombinieren?

Das geht recht gut. Ich arbeite zu 80%, das heisst ich habe jede Woche 3 ganze Tage frei. Und an normalen Arbeitstagen bin ich nur 8 bis 9 Stunden im Büro – da bleibt genug Zeit um vor oder nach der Arbeit Sport zu machen. Ausserdem habe ich einen sehr verständnisvollen Chef, der mir sehr viele Freiräume gibt – sofern ich meine Arbeit ordentlich erledige. Ich bin mir absolut bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist und dementsprechend dankbar.

Es gibt ja mittlerweile einige Läufer, wie z.B. Killian Jornet oder Anna Frost, die das Laufen professionell betreiben. Könntest Du Dir auch vorstellen mit Trailrunning Dein Geld zu verdienen?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen und will es auch gar nicht. Im Moment mache ich den Sport einzig und allein deshalb, weil es meine Leidenschaft ist. Wenn das mein Job wäre, hätte ich Angst, dass ich diese Leidenschaft verliere. Denn dann ist es ja auch ein „Müssen“.

Zu guter Letzt interessiert mich noch, ob es dieses Jahr wieder ein „Stephan Hugenschmidt Projekt“ gibt? Ich bin immer noch beeindruckt, wie Du letztes Jahr die 7 Churfirsten von Walenstadt bewältigt hast.

Ja, klar habe ich wieder etwas vor! Aber ich kann noch nichts Genaues sagen, weil meine Pläne noch nicht konkret sind.

Stephan, vielen Dank für das Interview. Ich wünsche Dir noch eine gute Vorbereitung und dann ein super Resultat beim UTMB. Wir sind gespannt und werden selbstverständlich berichten.

Danke dir!

Carsten

Von

Carsten ist seit 20 Jahren aktiver Läufer und mittlerweile fast nur noch auf Trails zu finden. Im Wettkampf läuft er bevorzugt die langen Distanzen. Die Berge hat er praktisch vor der Haustür: Carsten lebt mit seiner Familie in Zürich. Folge seinen Fußspuren auf Strava.
0

0 Kommentare