Tor des Geants 2016 – Non-Stop durchs Aostatal

Carsten

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Fotos Tor des Geants

Rennen

Der Tor des Geants ist eines der längsten Non-Stop Rennen die man als Trailläufer unter die Beine nehmen kann. Jedes Jahr bewerben sich mehr als 1500 Läufer, ausgewählt werden nur etwas mehr als die Hälfte. Carsten hatte dieses Jahr Losglück und berichtet ausführlich vom längsten Lauf seines Lebens.

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Idee

Nach einem Vortrag von Daniel Heideck (Finisher 2014) bei einem privat organisierten Laufwochenende im Elbsandsteingebirge wurde die Lust auf diesen Lauf geweckt. Allerdings sollte erst einmal ein 100 Meiler her, d.h. 2015 UTMB und vielleicht 2016 TdG. So war die Idee. Allerdings ging der UTMB 2015 bei mir so richtig in Hose (DNF). Dies wollte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und bewarb mich 2016 erneut, aber diesmal ohne Losglück. Trotzdem bewarb ich mich (bis dahin ohne 100 Meiler) für den TdG. Auch hier blieb mir das Glück im ersten Anlauf verwehrt, allerdings bekam ich einen sehr guten Platz auf der Warteliste und nur wenige Wochen später die Aufforderung das Startgeld von 550€ zu bezahlen. Ich habe mich angemeldet um mir die Möglichkeit eines Starts offen zu halten. Wie der Zufall es so wollte hat es dann sogar noch mit der ‚richtigen‘ Reihenfolge der Läufe geklappt und ich habe 5 Wochen vor dem Start des TdG den AlpenX100 gefinisht. Für den Kopf war es bestimmt eine gute Erfahrung, ob die Erholung aber reichen sollte wird sich dann noch zeigen.

Startaufstellung (Foto: Stefano Jeantet)

Allgemeines

Die Strecke mit etwas mehr als 330 Kilometern und angegebenen 24‘000 Höhenmetern (in den Detailangaben sind es bedeutend mehr) führt über die beiden Haupthöhenwanderwege des Aostatals, mit Start und Ziel in Courmayeur, vorbei an den eindrucksvollen Viertausendern: Mont Blanc, Gran Paradiso, Monte Rosa und Matterhorn. Es gilt 25 Pässe und Gipfel über 2000 m Höhe, 16 davon höher als 2500 m zu überqueren. Der tiefste Punkt liegt auf 300 m und der höchste Punkt auf 3300 m. 2 Nationalparks mit 32 Bergseen. 2000 Freiwillige und 770 Läufern. Das Zeitlimit beträgt 150 Stunden. Die Siegerzeit in diesem Jahr lag bei 75 Stunden. Das sind nur einige Highlights dieses Laufes.

322,07 km
Distanz
27.635 m
Anstieg
27.630 m
Abstieg
GPS-Download

Die vollständige Begehung der Höhenwege Alta Via Nr. 1 und 2 ist in den Wanderführern mit 20 bis 25 Tagesetappen beschrieben.
Die Strecke wird in 7 Sektoren aufgeteilt. Im Zielorte jedes Sektors befindet sich eine Basisstationen, zu der auch immer das Dropback transportiert wird. Hier gibt es die Möglichkeit zu essen, duschen und zu schlafen.

Zudem gibt es noch viele weitere Verpflegungsposten, bei einigen gibt es ebenfalls die Möglichkeit zu schlafen, allerdings ist der Weckdienst nach 2 Stunden mit inbegriffen. Dies ist die maximale Verweildauer in solcher Posten.

Abholen der Startunterlagen und des Dropbacks (Foto: Roberto Roux)

Vortag

Glücklicherweise konnte ich mit Ulf Kühne, der Zwischenstop bei mir in Zürich machte, mit dem Auto anreisen. Die Fahrt dauerte etwa 4 Stunden. Zu beachten gilt, daß der Tunnel von Chamonix nach Courmayeur mit 42€ nicht gratis ist. Ab 14:00 konnte man die Startunterlagen abholen. Hier sollte man etwas Zeit einplanen, bei uns dauerte es um die 1:30. Ab 19:00 ist dann das offizielle Briefing und man kann den Dropback abgeben und hier ist zu beachten, dass man es nur hier am Sportzentrum abgeben kann und nicht am Start. Während des Briefings wird dann die Vorspeise (Käse und Wurstteller) am Tisch serviert. Der Hauptgang besteht aus Pasta. Insgesamt zieht sich diese Veranstaltung etwas in die Länge und wir sind dann froh gegen 22:00 am Hotel zu sein.

Mit Ulf kurz vorm Start

Die große Reise beginnt

Sektion 1

Pünktlich um 10:00 fällt der Startschuß im Zentrum von Courmayeur (1224 m) und etwa 750 Verrückter werden auf ihre Reise durch das Aostatal geschickt.

Startschuss (Foto: Giorgio Augusto)

Nach einer kleinen Runde durch die Fußgängerzone geht es gleich 1300 Höhenmeter bergauf zum Col d‘ Arp. Gut laufbar geht es durch das Tal von Youlaz hinunter nach La Thuile. 18,6 Kilometer sind geschafft und in einer Art Gemeindehalle befindet sich die erste größere Verpflegung. Hier treffe ich auch Cornelia Hauser, die zusammen schreckt als sie mich sieht, da es für sie das Zeichen ist viel zu schnell losgelaufen zu sein.
Es folgt der Anstieg zum Rifugio Deffeyes (2500 m) mit Verpflegungsposten. Von hier geht es hochalpin weiter hoch zum Passo Alto auf 2857 m Höhe. Es folgt ein 800 m recht steiler Abstieg zur Getränkestation auf der Alpe di Promoud. Unten angekommen heißt es gleich wieder hoch zum Col de Crosatie (2838 m).

Col de la Crosatie (Foto:Stefano Jeantet)

Nachdem der 3. Gipfel erreicht ist erwartet uns ein etwa 1300 m Downhill. Auf den nächsten 7 Kilometern geht es leicht hoch zur ersten Basisstation in Valgisenche (1800 m). Hier kommen auch die Stirnlampen das erste Mal zum Einsatz. Bei Ankunft ist es 20:30. Ich begebe mich ins Lokal, gönne mir einen Teller Nudeln und ein Bier. Am Tisch sitze ich mit einem Taiwanesen und einem Amerikaner. Multi-Kulti. Dann noch schnell ein Stück Kuchen und einen Espresso und weiter geht’s.

Etappe 1: 50 km / 4747 Höhenmeter (Veranstalterangaben) in 10:30 Stunden

Sektion 2

Um ziemlich genau 21:00 geht die Reise bei leichtem Regen für mich weiter. Ich laufe ein Stück gemeinsam mit dem Taiwanesen, der mir erzählt, daß bei ihm daheim das Laufen mit Stöcken untypisch sei und er nicht dachte hier welche zu benötigen. Der Weg führt leicht ansteigend durch den Wald und später über Almwiesen zum Rif. Chalet de I’Epee (2366 m) und geht dann steiler werdend zum Col Fenetre (2854 m). Es folgt ein langer und steiler Abstieg nach Rhemes Notre Dames (1738 m). Mittlerweile ist ein neuer Tag angebrochen. Es folgt ein langer Aufstieg zum ersten 3000er, dem Col Entrelor. Kurz nach dem Gipfel befindet sich eine Getränke- und Kontrollstelle. Sie sieht aus wie eine Seilbahngondel, die dort abgestellt wurde.
Es geht wieder abwärts nach Eaux Rouses (1654 m). Nun folgt der zweitlängste Anstieg, es gilt 1650 Höhenmeter am Stück zu bewältigen. Nachdem das Ziel, der Col Lason auf 3299 m (höchster TdG Punkt) erreicht ist beginnt der über 10 km lange Abstieg zur zweiten Basisstation in Cogne.

Die Siegerin Lisa Borzani in Ruhephase in Cogne (Foto: Stefano Jeantet)

Ich erreiche die Basisstation um 10:30, eine wirklich blöde Zeit um sich jetzt ins Bett zu legen und daher entscheide ich mit neuen Schuhen weiter zu laufen, vor allem da jetzt der vermutlich leichteste Sektor mit nur einem Gipfel folgen wird. Ich hoffe diese Entscheidung rächt sich später nicht noch. Wir werden sehen.

Etappe 2: 56 km / 5082 Höhenmeter in 13:30 Stunden
Gesamt: 106 km / 9829 Höhenmeter in 24:30 Stunden, Schlaf: 0 Stunden

Sektion 3

Der dritte Sektor beginnt für mich nach einer Portion Pasta und einem Bier gegen 11:00. Es geht über 16 Kilometer anfangs leicht steigend, später etwas steiler werdend auf den Fenêtre de Champorcher (2.588 m). Der folgende Downhill zieht sich über 29 Kilometer zum tiefsten Punkt des gesamten Rennens in Donnas. Anfangs läuft es noch sehr geschmeidig und geht relativ gut voran, doch nach einiger Zeit beginnen beide Oberschenkel ziemlich an zu schmerzen, so daß das bergablaufen zu einer einzigen Qual wird. Es kommen Gedanken an das letztjährige UTMB Desaster hoch und die ersten großen TdG Zweifel kommen auf. Die Strecke ist landschaftlich sehr schön und man könnte relativ einfach Kilometer machen, aber ich kann es nicht genießen. An der letzten Verpflegung vorm Basislager in Donnas wird mir erzählt, daß ich auf dem 47. Platz liege. Ich fühle mich als wenn ich den Besenwagen im Nacken habe. Verrückt, so einen Fehler bei so einem Rennen zu begehen. Warum bin ich nur so schnell los? War es das jetzt? Fahre ich morgen zurück nach Zürich? Hunderte dieser Fragen schießen mir durch den Kopf. Langsam beginnt es wieder an zu dämmern und es ist Zeit die Lupine aufzusetzen. Endlich erreichen wir einen Ort, das muß doch jetzt Donnas sein. Leider getäuscht es ist Borgo di Bard, ein kleiner sehr schöner Ort etwa 3 Kilometer vor Donnas. Auf diesem Flachstück ziehe ich dann den Telefonjoker und heule mich bei meiner Freundin aus und sie rät mir einfach erst einmal eine Nacht abzuwarten und zu schauen wie es dann läuft. Ändern ließe sich jetzt nach dieser totalen Erschöpfung so jetzt sowieso nichts. Etwa um 22:00 komme ich endlich an und mache mich gleich auf zur Dusche, verschlinge eine Portion Nudeln und ein Bier und begebe mich so gegen 22:30 aufs Feldbett. Der Wecker wird absichtlich nicht gestellt.

Vorjahressieger Oscar Perez in Donnas (Foto: Roberto Roux)

Etappe 3: 45 km / 2698 Höhenmeter in 11:00 Stunden
Gesamt: 151 km / 12527 Höhenmeter in 36 Stunden, Schlaf: 0 Stunden

Sektion 4

Nach 8 ½ Stunden Schlaf werde ich wach und fühle mich wie ein neuer Mensch. Ich gönne mir noch einen großen Kaffee, ein paar Nutella Brote, checke den Rucksack um nichts der Pflichtausrüstung zu vergessen. Um 7:40 verlasse ich dann anfangs noch etwas schwerfällig und übervorsichtig die Basisstation in Donnas (300 m).
Der Weg führt zuerst durch Weinberge vorbei an einer Kapelle oberhalb von Donnas zum ersten Verpflegungsposten in Perloz (663 m). Insgesamt befindet man sich auf dem längsten Anstieg zum Rif. Coda (2224 m).

Sieger Oliviero Bosatelli am Rifugio Coda (Foto: Stefano Jeantet)

Hier hat man auch ziemlich genau die halbe Strecke des TOR erreicht. Von hier geht es runter zu einem Stausee an dem ich eigentlich eine weiter Verpflegung vermute, aber getäuscht es geht nochmals leicht bergauf zum Rif. Balma, einem sehr schönem neuen Berghaus. Es geht einige Zeit im ständigen Wechsel auf und ab. Nach dem Col della Vechia (2184 m) folgt ein langer Abstieg nach Niel, einem sehr malerischen kleinen Örtchen auf 1555 m Höhe. Mittlerweile bin ich schon wieder über 13 Stunden auf den Beinen und gönne mir meine Standardkombination (Pasta mit Tomatensoße und ein Bier). Nach einer kurzen Rast geht es gefühlt endlos hoch zum Col di Lazoney (2364 m) um dann gleich wieder runter zur vierten Basisstation (1329 m) zu laufen. Gressoney erreiche ich am Mittwoch um 0:30. Gönne mir hier nochmals Nudeln und eine Mütze Schlaf, aber diesmal mit gestelltem Wecker.

Etappe 4: 54 km / 6086 Höhenmeter in 17 Stunden
Gesamt: 206 km / 18613 Höhenmeter in 62:30 Stunden, Schlaf: 8:30 Stunden

Sektion 5

Um kurz nach 5:00 geht es auf die kürzeste (33 km) aller Strecken. Erst geht es relativ lange flach durch den Ort, dann langsam hoch zum Rifugio Alpenzu um dann den Col Pinter (2776 m) zu erklimmen. Danach geht es längere Zeit sanft bergab, es folgt im Loch eine Verpflegung und danach folgt gleich wieder ein langer Anstieg zum Rifugio Grand Tournalin (2535 m) und dem Col di Nano (2770 m).

Regenbogen am Colle di Nana (Foto: Stefano Jeantet)

Ab hier geht es dann schon wieder runter zur Basisstation, dieses Stück laufe ich mit dem Schweizer Stefan Haebler, der mir im Laufe der Tage immer wieder über den Weg läuft, fast schon etwas unheimlich. Die Basisstation (1526 m) erreiche ich bereits um 14:38, wirklich sehr früh. Ich entscheide mich nach einer kurzen Rast mit Pasta und Bier noch ein Stück der nächsten Sektion in den Angriff zu nehmen, da das Wetter am späten Abend umschlagen soll und ich gerne so viel wie möglich im trockeneren und hellen laufen möchte.

Etappe 5: 33 km / 3187 Höhenmeter in 9:15 Stunden
Gesamt: 239 km / 21800 Höhenmeter in 84:30 Stunden, Schlaf: 13:00 Stunden

Sektion 6

Die Basisstation in Valtournenche verlasse ich um 15:24 wieder und nehme mir vor noch bis zur übernächsten Schlafmöglichkeit zu gelangen, da die nächste bereits 5 km entfernt ist. Die Strecke geht auf alten schönen Wegen hoch zum Cihnana Stausee, wo sich auch etwas später das Rifugio Barmassa (2175 m) befindet. Wellig und gut laufbar geht es danach hoch zum Fenetre du Tsan (2738 m). Hier geht es dann bei Dämmerung sehr steil 700 m runter, leider muß ich noch während des Downhills die Stirnlampe rauswühlen. Langsam beginnt es leicht zu regnen, nach einer kurzen Flachpassage erreiche ich die Rifugio Magia (2007 m). Ich tanke nochmals etwas Energie und mache mich aber gleich weiter auf den Weg hoch zum Rifugio Cuney. Es heißt nochmals 650 Höhenmeter erkämpfen, jetzt beginnt es auch fester an zu regnen. Sehr erschöpft und pitschnaß komme ich um 22:00 am Rifugio an. Ohne zu essen suche ich mir gleich einen Schlafplatz. Die Beine schmerzen, es ist sehr schwierig Schlaf zu finden, nach etwa einer Stunde schaffe ich es dann endlich.

Nachts am Rifugio Cuney (Foto:Stefano Jeantet)

Und dann plötzlich weckt mich jemand auf und fragt ob ich jetzt schon zwei Stunden schlafen würden, es entsteht eine große Diskussion. Ich bin total verwirrt und für mich ist es unvorstellbar, daß ich jetzt raus MUSS. Niemand darf länger als zwei Stunden in den Verpflegungsposten sein. Anscheinend wurde sogar schon Zeitstrafen diesbezüglich vergeben.

Ok, Nein ok ist es wirklich nicht, aber ich habe keine Wahl. Wieder rein in die nassen Sachen und raus in den Regen. Es ist etwa 0:30 und ich fühle mich total desorientiert. Nach einiger Zeit wird der Regen etwas weniger. Es geht eine ganze Zeit auf und ab bis hoch zum Col Vessonaz (2788 m). Danach geht es gutlaufbar stetig abwärts nach Oyace (1463 m). Es ist immer noch dunkel und ich verpflege mich gut und lege mich dann sogar noch einmal für 45 Minuten aufs Feldbett, bevor es dann um 5:00 Uhr weitergeht den letzten Gipfel der 6 Etappe zu bewältigen. Sehr unmotiviert geht es im Dauerregen hoch zum Col Brison (2492 m). Wie bereits beim letzten Downhill laufe ich hier immer wieder mit einer jungen Tschechin aus dem Montane Team. Nach der Bergankunft folgt ein relativ leichter 1100 m Downhill nach Ollomont, der letzten Basisstation. Hier stelle ich fest, daß meine Hoka die Sohle verlieren, also wieder auf La Sportiva wechseln. Echt schade, fühlte mich sehr wohl in dem Schuh.

Etappe 6: 48 km / 4904 Höhenmeter in 19:00 Stunden
Gesamt: 287 km / 26704 Höhenmeter in 96:00 Stunden, Schlaf: 16:00 Stunden

Sektion 7

Nach etwas mehr als einer Stunde Pause entscheide ich mich die Reise fortzuführen. Es geht wie gewohnt weiter, nach einem langen Downhill folgt ein langer Anstieg, diesmal müssen 1300 Höhenmeter bewältigt werden um den Col Champillion (2709 m) zu erreichen.

Rifugio champillon (Foto: Roger Berthod)

Es folgt ein kurzer Downhill bei dem ich einige Mitstreiter einsammeln kann und dann geht es auf das einzige Flachstück. Zumindest sieht auf dem Streckenplan so aus, es zeigt sich aber schnell, daß es doch immer wieder leicht an- und absteigend durch den Wald geht. In Sain-Rhemy en-Bosses, dem südlichen Talort am „Grossen St. Bernhard Pass“ gibt es nochmals eine Pasta Verpflegung, ab hier sind es jetzt noch 30 Kilometer bis ins Ziel. Ich laufe bis hoch zum Rifugio Frassati mit einem Belgier, er paßt sich meinem tempo an, es ist wirklich ganz angenehm zusammen zu laufen. Im Restaurant wird uns erzählt, daß es noch ungefähr 5 Stunden sein. Eine Welt bricht zusammen, ist es doch auf dem Streckenplan nur noch ein kurzer Anstieg und dann ein endloser Downhill ins Ziel. Am Col Malatra (2939 m) wird es noch einmal etwas heikel und schwierig.

Im Abstieg vom Col Malatrà (Foto: Roberto Roux)

Jetzt geht es runter und ich kann weiterhin ein paar Läufer überholen, mittlerweile braucht es wieder die Stirnlampe und es macht nochmals richtig Spaß. Allerdings ist dieser Spaß dann nach der nächsten Gegensteigung vorbei, ich falle in ein Ermüdungsloch. Verrückt wie schnell sich das Blatt wendet. Ich fange an zu halluzinieren und das Rifugio Bertone will und will nicht kommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es endlich erreicht und es sind nur noch 6 Kilometer und 700 Höhenmeter. Mittlerweile tun mir die Füße weh, eigentlich tut alles weh, ich finde keinen richtigen Schritt mehr und dann stellt auch noch meine Lupine auf Sparmodus, das paßt alles zusammen. Irgendwie erreiche ich dann einen richtigen Weg, der dann in eine Asphaltstraße übergeht und mich direkt in die Stadt von Courmayeur führt. Mit einem lauten Schrei überquere ich als 52. im Gesamtfeld die Ziellinie und bin total fertig. Ich will nur noch ins Bett. Was für ein Rennen! Die 5 Stunden stimmten nicht schlecht, ich hatte für diesen Abschnitt noch 4:45.

Etappe 7: 50 km / 4201 Höhenmeter in 12:30 Stunden
Gesamt: 338 km / 30914 Höhenmeter in 109:45 Stundenmit etwa 16:00 Stunden Schlaf
Die Höhenmeter sind mit Vorsicht zu genießen, meine Uhr hat etwa mehr als 26000 Höhenmeter angezeigt und ich habe niemanden getroffen der über 30000 auf der Uhr stehen hatte.

Die Siegerehrung

Die Siegerehrung findet jeweils Sonntag um 11:00 statt und es werden die ersten 5 Frauen, die ersten 5 Männer, die Altersklassensieger, die Kontinentalsieger, die schnellsten Italiener und die schnellsten Läufer aus dem Aostatal gekürt. 446 Läufer haben das Ziel innerhalb der 150 Stunden erreicht. Mit Jens Lukas und Thomas Bohne liefen zwei Deutsche in die Top Ten.

Siegerehrung Männer: Oscar Perez Lopez, Oliviero Bosatelli, Pablo Criado Toca, Eric Ressencourct, Jens Lukas (Foto: Stefano Jeantet)

Alle Ergebnisse hier.

Im Anschluss wurden uns die Finishergeschenke überreicht, jeder einzelne Finisher wurde aufgerufen und durfte sich seinen TdG Kapuzenpulli abholen. Das ging nochmals richtig durch die Haut und war eine großartige Abschlußaktion.

Alle Finisher auf der Bühne (Foto: Stefano Jeantet)

Fazit

Es war wirklich ein sehr hartes Rennen. Zu der langen Distanz von 330 Kilometern kommen einmal die wahnsinnigen Höhenmeter von etwa 25000 und zum anderen der Schlafmangel (kein Vergleich zum Trans Alpine Run). Die Strecke ist durchweg wunderschön und ich kann jedem nur raten das Aostatal mal zu bereisen, es muß ja nicht unbedingt für den TdG sein. Die Strecke ist aus meiner Sicht nicht extrem technisch, aber schon schwieriger als der UTMB. Ich könnte mir gut vorstellen hier in den nächsten Jahren auch mal einen Athleten zu supporten. Selbst noch einmal Starten schließen ich im Moment eher aus, aber man soll ja niemals nie sagen.

Carsten

Von

Carsten ist seit 20 Jahren aktiver Läufer und mittlerweile fast nur noch auf Trails zu finden. Im Wettkampf läuft er bevorzugt die langen Distanzen. Die Berge hat er praktisch vor der Haustür: Carsten lebt mit seiner Familie in Zürich. Folge seinen Fußspuren auf Strava.
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15 Kommentare

  1. Sabrina

    Wunderbarer und ehrlicher Bericht! Danke dafür! Unvorstellbar für mich, umso größer der Respekt!

    Gratulation! LG Sabrina

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  2. Hauser, Peter

    Klasse Bericht, Carsten! Sehr informativ und spannend erzählt. Ganz liebe Grüsse, Peter

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  3. Schalk

    Ich konnte den Wegbeschreibungen und vor allem auch den Zeitfenstern sehr gut folgen. Ist schon lustig zu lesen, wie du die Sektoren gelaufen bist und wo du wie lange geschlafen hast. Ein Jahr vorher war ich mit der selben Endzeit im Ziel – zwischendrin war die Zeit- und vor allem Schlafeinteilung aber etwas unterschiedlich. anke fürs Aufschreiben. Deine Beschreibung bestätigt mir genau die „Fehler“, die ich beim Schlafen und Essen 2014 gemacht habe.
    Ich werde einiges aus deinem Zeitplan für mich für dieses Jahr versuchen zu übernehmen. Da geht was!
    ;-)

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    • Carsten

      Carsten

      Ich habe aber auch sehr viele Fehler gemacht, gerade was das Schlafen angeht. Ich denke kürzer, dafür aber öfter wäre mir besser bekommen. Ich denke mit der Erfahrung vom letzten Jahr wären theoretisch dieses Jahr noch einige Stunden drin gewesen, aber ich setze dieses Jahr aus. Wünsche Dir viel Erfolg bei Deinem Double. Gruss.

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