Toubkal im Winter

In den Sommermonaten pilgern Tausende auf den mit 4.167 m höchsten Berg Nordafrikas. Im Winter dagegen hat man den Toubkal fast für sich allein. Dabei zeigt er sich gerade jetzt von seiner schönsten Seite - wenn das Wetter mitspielt. Ich hatte Glück und erlebte einen perfekten Gipfeltag im Atlasgebirge.

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In den Sommermonaten pilgern Tausende auf den mit 4.167 m höchsten Berg Nordafrikas. Im Winter dagegen hat man den Toubkal fast für sich allein. Dabei zeigt er sich gerade jetzt von seiner schönsten Seite – wenn das Wetter mitspielt. Ich hatte Glück und erlebte einen perfekten Gipfeltag im Atlasgebirge.

Hamit, der Taxifahrer, erweist sich als besonders schlitzohriger Vertreter seiner Zunft. Mit seinem museumsreifen Mercedes soll er mich nach Imlil bringen, dem Berberdorf am Fuße des Toubkal. Er ist freundlich und erzählt viel. Stolz zeigt er mir ein Foto auf seinem iPhone – seine Freundin beim Skifahren in Oukaïmeden, Marokkos einzigem Skigebiet. Und dann, nach halber Strecke, entfährt es ihm: „Wir haben ja gar nicht über den Preis gesprochen!“ Natürlich hatten wir in Marrakesch einen Preis ausgehandelt – 300 Dirham. Aber daran will Hamit sich jetzt nicht mehr erinnern. „Für weniger als 400 bin ich noch nie nach Imlil gefahren,“ behauptet er mit schlecht gespielter Unschuld. Am Ende gibt er sich mit einem kleinen Aufschlag zufrieden. Seine Geschichten waren es allemal wert.

Kaum bin ich aus dem Taxi gestiegen, stürzt auch schon ein Bergführer auf mich zu. Imlil ist Ausgangspunkt der meisten Touren im Toubkal-Nationalpark. Der Trekking-Tourismus hat den Bewohnern dieses abgelegenen Dorfes bescheidenen Wohlstand gebracht. Jeder Neuankömmling ist deshalb auch ein potentieller Kunde – für Bergführer, Lastenträger und Souvenirverkäufer. Ich lehne jedoch dankend ab. Mein Ziel ist es, auf eigene Faust und so leicht und schnell wie möglich zum Gipfel zu kommen. Dazu muss im Winter vor allem das Wetter stimmen. Nur eine Woche zuvor machte Neuschnee den Aufstieg zum Gipfel noch zum riskanten Unterfangen. Ich habe Glück: Es ist trocken, sonnig und fast windstill. Nach einem späten Mittagessen mache ich mich auf den Weg.

Die erste Etappe führt von Imlil (1.740 m) bis zur Refuge du Toubkal, einer Berghütte des französischen Alpenvereins auf 3.200 Metern. Rund 1.500 Höhenmeter gilt es also zu überwinden, verteilt auf 10 km Weg. Der steigt zunächst nur sehr sanft an und folgt dem Lauf eines Gebirgsbaches. Dort, wo der Bach Wasser führt, färbt er die ansonsten karge Landschaft in ein sattes Grün. Ich passiere Aremd, dessen dicht an dicht gebaute Lehmhäuser wie aus dem Berg gewachsen scheinen. Hinter Aremd quere ich ein breites Geröllfeld und der eigentliche Aufstieg beginnt.

Bei Aremd (1.940 m) liegt das hektische Imlil bereits hinter mir

Die Sonne scheint mit voller Kraft, doch die Luft ist kühl und macht das Wandern erträglich. Nur selten begegnen mir Berber auf ihren Mulis. Die meiste Zeit bin ich allein mit mir und dem staubigen Pfad, der sich durch den rotbraunen Fels schlängelt. Der Hohe Atlas ist ein ehrliches Gebirge. Oberhalb von 2.000 Metern gibt es kaum noch Vegetation und erst recht keine Edelweiß-Romantik, wie man sie aus den Alpen kennt. Das Leben hier ist hart, das zeigt sich auch in Sidi Chamharouch. Eine kleine Moschee und ein paar winzige Häuser aus Lehmziegeln, einige davon nur halbfertig und offenbar längst verlassen.

Der Schrein von Sidi Chamharouch ist eine muslimische Pilgerstätte

Oberhalb von Chamharouch wird der Pfad schmaler und deutlich steiler. Auch einige Schneefelder sind jetzt zu queren. Bald schon ist die Toubkal-Hütte zu sehen, doch der Weg dorthin zieht sich. Kurz vor Sonnenuntergang erreiche ich die Hütte. Im Sommer oft hoffnungslos überfüllt, teile ich sie mir heute nur mit einer Gruppe von Skibergsteigern aus Italien und Russell, einem gesprächigen Engländer. Beim erstaunlich guten Abendessen erzählt er mir von seiner Karriere als Fellrunner. Seine Geschichten vom legendären Three Peaks Race sind so mitreißend, dass ich ihm verspreche, dort auch bald einmal an den Start zu gehen. Anschließend packe ich noch meinen Gipfelrucksack – die SJ Ultra Vest mit Trinkblase, Erste-Hilfe-Set, Rettungsdecke und ein paar Gels. Dann lege ich mich schlafen.

Mit dem ersten Tageslicht – und noch vor den Italienern – mache ich mich um Punkt 7 Uhr auf den Weg zum Gipfel. Der Einstieg ist steil und anstrengend. Die Nordwand des Toubkal liegt noch im Schatten. Es ist empfindlich kalt. Ich komme zügig voran, bleibe aber auch immer wieder stehen, um Fotos zu machen und meine Hände aufzuwärmen. Einige Hundert Meter unterhalb des Gipfels werden die Schneefelder immer kleiner, bevor sie fast völlig verschwinden und das raue Gestein wieder freigeben. Dann steigt die Sonne endlich über den Bergsattel. Ihre Strahlen bringen Licht und Wärme. Ein grandioser Moment, für den allein sich der Aufstieg bereits gelohnt hätte.

Oberhalb des Toubkal-Sattels ist es längst nicht mehr so steil wie noch zu Beginn. Die letzten hundert Höhenmeter sind fast schon banal – eine Geröllkuppe auf über 4.000 Metern. Nach zweieinhalb Stunden habe ich die schmucklose Metallpyramide erreicht, die den höchsten Punkt des Atlasgebirges markiert. Das Gipfelpanorama ist dafür umso spektakulärer. Am Horizont lässt sich sogar die Sahara erahnen.

Statt Gipfelkreuz: Eine schlichte Metall-Pyramide markiert den höchsten Punkt

Nach zwanzig Minuten mache ich mich wieder auf den Abstieg zur Toubkal-Hütte. Der obere Teil lässt sich sogar laufen. Auf halber Strecke kommt mir eine Gruppe schwer bepackter Bergwanderer entgegen – die ersten Menschen, die ich heute treffe. Um kurz nach 11 bin ich wieder an der Hütte. Auch Russell kommt gerade von seiner Tour zurück und so wandern wir gemeinsam hinunter ins Tal.

4,74 km
Distanz
1.274 m
Anstieg
306 m
Abstieg
GPS-Download

Praktische Informationen

Anreise
Marrakesch hat einen internationalen Flughafen. Günstige Flüge gibt es z.B. ab Frankfurt-Hahn mit Ryanair. Von Marrakesch aus ab Jemaa El Fna weiter mit dem Taxi, Sammeltaxi (ab ca. 50 Dirham pro Person) oder Kleinbus (20-30 Dirham) über Asni nach Imlil. Fahrtzeit ca. 1,5-2 Stunden.

Ausrüstung
Im Winter sind zumindest Grödel bzw. Spikes (z.B. Snowline Chainsen) und Stöcke erforderlich, je nach Bedingungen auch Steigeisen und Eispickel. Wintertaugliche Kleidung und festes Schuhwerk verstehen sich von selbst. Auf der Toubkal-Hütte gibt es Decken, sicherheitshalber sollte man trotzdem einen Schlafsack mitbringen, denn Nachts wird es empfindlich kalt.

Schwierigkeit
Technisch ist die Tour zum Toubkal auch für Anfänger problemlos machbar, echte Kletterpassagen gibt es keine. Gute Kondition ist allerdings erforderlich: Von Imlil bis zum Gipfel sind rund 15 km und fast 2.500 Höhenmeter zu bewältigen. Wer empfindlich auf Höhe reagiert, sollte sich beim Aufstieg Zeit lassen.

Wetter
Die große Unbekannte bei einer Wintertour im Atlasgebirge. Von Schneestürmen bis Traumwetter ist alles (auch im schnellen Wechsel) möglich, deshalb unbedingt vorher informieren. Bis März fällt zumindest in den höheren Lagen Schnee. Eine sehr detaillierte Bergwetter-Vorhersage findet man hier.

Unterkunft
In Imlil gibt es viele kleine Hostels zu Preisen zwischen 10 und 30 Euro pro Nacht. Unterhalb des Gipfels liegen auf 3.200 m direkt nebeneinander das Refuge du Toubkal (auch als Neltner-Hütte bekannt; ca. 20 Euro/Nacht inkl. Verpflegung) und das etwas teurere Refuge Toubkal Les Mouflons. Hier sollte man auch im Winter reservieren.

Kartenmaterial
Kauft man am besten schon in Deutschland. Am genauesten ist Karte des spanischen Piolet-Verlags im Maßstab 1:40.000 (ca. 10 Euro bei Amazon). Weitere Karten gibt es von Cordee (1:50.000) und terraQuest (1:100.000).

Viele weitere Infos gibt es auf trekking-marokko.de.

Hendrik

Von

Hendrik ist leidenschaftlicher Trailrunner und Gründer des TrailBlog. Neben kurzen, steilen Rennen reizen ihn lange Touren auf eigene Faust in den Bergen. Hendrik ist ASICS Frontrunner und wird unterstützt von Garmin, SZIOLS und ultraSPORTS. Folge ihm auch auf Strava, Twitter und Instagram.
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9 Kommentare

Dieser Artikel kann nicht (mehr) kommentiert werden.
  1. Christian

    Hort sich nach einer schönen Tour an, toller Bericht!

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  2. Jens

    Da bleibt einen ja (wieder mal) schon beim Lesen die Spucke weg… WOW!

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  3. Joël

    Wow, toller Bericht und eine grandiose Tour! Die Kombination von Text, Karten, Bildern und Video ist dir super gelungen!

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    • Hendrik

      Hendrik

      Danke Joël, freut mich, dass es dir gefällt. Deine Foto-Reportagen verfolge ich auch immer wieder gerne. Vielleicht leiste ich mir dann auch irgendwann mal eine Systemkamera aus der X-Serie (die Bilder hier sind mit der X10 entstanden).

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  4. Trekking in Marokko

    Toller Bericht und schicke Fotos! Die Beschreibung „ehrliches Gebirge“ für den Toubkal hat mir sehr gut gefallen und den Link zum Bergwetter kannte ich noch nicht — den baue ich bei mir auch noch ein :-)

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  5. Peter

    Wirklich toller Bericht, eine frage hätte ich, weißt du zufällig wo ich die aktuellen Schneelage am Toubkal finden kann? Wäre es deiner Erfahrung nach machbar für wen der keine wirkliche alpine Erfahrung hat und sportlich nicht auf der höhe ist?

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