UTLW: Holy Festival of Trails

Blaskapelle, heilige Trails und ein roter Teppich ins Ziel: Der Ultra Trail Lamer Winkel ist jetzt schon Kult. Den 500 Teilnehmern der Erstausgabe verlangte er alles ab - auch weil das Wetter so gar nicht zum Sommeranfang passte.

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Es ist kurz nach 13 Uhr an diesem letzten Samstag im Mai, als der erste „König vom Bayerwald“ gefunden ist: Nach einem spannenden Rennen sichert sich Matthias Baur die Krone vor Teamkollege Lukas Sörgel und Lokalmatador Markus Mingo. Als Mitausrichter wollte Markus bei seinem Heimspiel unbedingt den Sieg – am Ende ist er mit Platz 3 überglücklich.

Bei den Damen lässt Tina Fischl nichts anbrennen: Als Gesamtelfte und mit rund 28 Minuten Vorsprung auf Kerstin Erdmann ist die frischgekürte deutsche Berglaufmeisterin auch auf Trails eine Klasse für sich. Mit Maria Koller komplettiert wiederum ein Mitglied des Orgateams das Podium der Premiere. „Von Trailrunnern für Trailrunner“, so hatten Markus, Maria, Wolfgang, Max und Johannes ihr Rennen im Vorfeld beworben – und damit nicht zu viel versprochen…

▶ Matthias Baur (5:07 h) und Tina Fischl (5:35 h) laufen als erste über den roten Teppich auf dem Marktplatz in Lam

Schon beim Briefing am Vorabend wird deutlich, dass beim UTLW auch Trail drinsteckt, wo Trail draufsteht: „70% Singletrails – schwer, aber wunderschön“, beschreibt Markus die Strecke. Während Veranstalter andernorts zunehmend um Genehmigungen ringen, funktioniert die Zusammenarbeit mit den Behörden hier offenbar hervorragend. Bestes Beispiel: Eine Bachquerung kurz nach dem Start entpuppte sich beim letzten Streckencheck als Engstelle – also wurde kurzerhand eine Brücke gebaut. „Die ganze Region steht hinter dem UTLW. Wir freuen uns auf euch“, verkünden die Bürgermeister der drei gastgebenden Gemeinden glaubhaft und fassen sich ansonsten angenehm kurz.

So bleibt viel Zeit für die wirklich wichtigen Dinge vor dem Rennen – Kohlenhydrate, Bier und nette Gespräche! Obwohl (oder gerade weil) es nur 500 Startplätze gab, scheint sich die ganze Trailrunning-Familie an diesem Wochenende im Bayerischen Wald versammelt zu haben. Vor allem das Männerfeld ist so stark besetzt wie hierzulande sonst nur der Zugspitz Ultratrail.

52,47 km
Distanz
2.597 m
Anstieg
2.507 m
Abstieg
GPS-Download

Ruhe vor dem Sturm am Start in Arrach (Foto: Benjamin Sperl)

A zünftige Musi zum Wachwerden

Dementsprechend hoch ist das Tempo auf den ersten Kilometern. Nach einer Einführungsrunde um den Seepark in Arrach – angeführt von einer Blaskapelle in voller Tracht – geht es zunächst über Feldwege. Die Spitzengruppe hat sich schnell abgesetzt, dahinter sortiert sich das Feld. Ich laufe ein Stück mit Denis, der nach der Hitzeschlacht bei der Transvulcania heute vor allem ankommen will.

Nach drei Kilometern ist es endlich soweit: Aus dem Feldweg wird ein Trail und es geht steil hinauf zum Eck, dem ersten Verpflegungspunkt. Es ist schwül-warm, aber ich habe meinen Rhythmus gefunden und komme bergauf wie immer gut voran. Zusammen mit Carsten Drilling und Marco Schneider bilde ich ein gut funktionierendes Gespann. Für einen Moment schließt auch Dominik Briselat zu uns auf, den einige Tage zuvor noch eine fiebrige Erkältung niedergestreckt hatte. Letztlich lässt Dominik aber Vernunft walten und steigt später wie angekündigt aus.

50 to go: Nach drei Kilometern über Wiesen und Felder geht es auf die Bayerwald-Trails

Bis zum ersten Verpflegungspunkt wechseln sich Trails und schnelle Forststraßen ab. Carsten Drilling (9. in 5:32 h) und Christian Schlagbauer (21. in 6:00 h) drücken auf’s Tempo.

Am ersten Verpflegungspunkt bei Km 9 herrscht Tour-de-France-Atmosphäre: Dicht an dicht säumen Zuschauer die Strecke und feuern so lautstark an, als wenn hier schon Schluss wäre. Unterdessen hat sich das Wetter gedreht: Dunkle Wolken sind aufgezogen, es ist deutlich kühler geworden und die ersten Tropfen fallen. Noch freuen wir uns über die Abkühlung.

Auf den folgenden 15 Kilometern führt uns die Strecke über den Goldsteig wellig hinauf zum Arbergipfel, dem höchsten Punkt des Rennens. Es regnet inzwischen wie aus Eimern und dichter Nebel ist aufgezogen. Weiter hinten im Feld fällt sogar Hagel. Die Trails werden zunehmend schmaler, technischer und vor allem: Rutschiger. Ich nehme auf den Downhills etwas Tempo raus und lasse Carsten und Marco ziehen.

Nach rund 2:40 h erreiche ich die zweite Verpflegung kurz unterhalb des Großen Arbers. Die Sicht beträgt hier nur noch wenige Meter und so verlaufe ich mich fast. Trotz des Sauwetters ist meine Laune bestens: Ich fühle mich gut und Lea wartet hier auf mich. Eine kurze Umarmung und auf in die zweite Rennhälfte!

Mit zunehmender Renndauer werden die Trails technischer und das Wetter schlechter. Hier Marco Schneider im Anstieg zum Arbergipfel.

Km 24: Dichter Nebel und Temperaturen knapp über 0 am Großen Arber, dem höchsten Punkt der Strecke. Um so mehr freue ich mich über die Unterstützung durch meine Freundin (Foto: Martin Briselat)

Bis zum dritten Verpflegungspunkt bei Km 35 geht es 700 hm bergab – und auch wieder hinauf. Im Anstieg zum Zwercheck laufe ich auf Sebastian Apfelbacher auf. Das Marathon-Ass (Bestzeit 2:36 h) kämpft mit seinen Stöcken und einer verrutschten Kontaktlinse. Eigentlich hat man hier einen großartigen Ausblick auf die ganze Strecke. Auch ohne Kontaktlinsen endet die Aussicht heute aber meist am nächsten Baum.

Nach einem steilen Downhill folgen vier leicht abfallende Kilometer Forststraße. Mit 40 Kilometern in den Beinen freue ich mich ausnahmsweise mal darüber – so rollt es nochmal richtig rund, bevor es in den finalen Anstieg zum Großen Osser geht. Dort erwischt mich der Mann mit dem Hammer dann doch noch. Ich quäle mich hinauf zur letzten Verpflegungsstation, trinke zwei Becher Cola und muss mich kurz setzen. „Endlich nimmt sich mal einer Zeit“, muntern mich die Helfer auf, die hier trotz Dauerregen einen tollen Job machen.

Das ist ein Trail!

„Pass auf, die nächsten 200 Meter Downhill sind extrem glatt. Den Markus hat’s schon ordentlich gelegt.“ – höre ich noch, als es auch mich niederstreckt. Aber ich habe Glück und lande im Gebüsch statt auf Fels. Fluchen, Mund abputzen, weitermachen! Die nächsten Kilometer torkele ich ins Tal wie ein Betrunkener. Ich verliere viel Zeit und werde gnadenlos nach hinten durchgereicht.

Erst als ein Schild den „Holy Trail“ ankündigt, habe ich mein Tief überwunden. Hinter einer kleinen Kapelle wartet ein Singletrail wie aus dem Bilderbuch, kaum breiter als ein Schuh, mit Wurzeln gespickt. Mit einem breiten Grinsen stürze ich mich ins Vergnügen. Die letzten Kilometer Richtung Lam ziehen wie in Trance an mir vorbei. Plötzlich läuft es wieder – so fühlt sich also dieses Runner’s High an.

Nach 6:15 h hat der Spaß ein Ende. Mein Ziel „sub 6“ habe ich nicht ganz erreicht, trotzdem überwiegt die Freude, dieses Brett gefinisht zu haben. Ultratrails, das habe ich heute gelernt, sind wie das Leben: Mit Höhen und Tiefen – nur erlebt man beide viel intensiver.

Am nächsten Morgen zeigt sich der Lamer Winkel dann doch noch von seiner sonnigen Seite. Beim Fotoshooting mit dem ASICS-Team am Großen Arber lässt sich erahnen, was uns am Vortag entgangen ist. Und so steht für mich schon jetzt fest: Ich komme wieder, spätestens im nächsten Jahr!

Schöne Idee: Statt Finisher-Medaillen gibt es ein Fläschchen „Trailwasserl“ (Foto: Martin Briselat)

Trailrunning verbindet: Im Ziel mit Johannes Lang (24. in 6:12 h) und Max Hochholzer, dem „Vater“ des UTLW (Foto: Martin Briselat)

Die ersten Könige vom Bayerwald: Kerstin Erdmann, Lukas Sörgel, Matthias Baur, Tina Fischl, Markus Mingo und Maria Koller

Hendrik

Von

Hendrik ist leidenschaftlicher Trailrunner und Gründer des TrailBlog. Neben kurzen, steilen Rennen reizen ihn lange Touren auf eigene Faust in den Bergen. Hendrik ist ASICS Frontrunner und wird unterstützt von Garmin, SZIOLS und ultraSPORTS. Folge ihm auch auf Strava, Twitter und Instagram.

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6 Kommentare

  1. CHM0876@googlemail.com

    Ein Lauf ist dann gut gewesen, wenn man sich ein paar Tage später schon wieder auf das nächste Jahr freut! Ich habe aus Vernunftsgründen den kurzen Osserlauf gewählt. Meine ersten Gedanken nach dem Überschreiten der Ziellinie waren: Boah, war das geil! Mein Entschluss stand da schon fest: Ab jetzt wird trainiert, trainiert, trainiert und nächstes Jahr sind die 53 km fällig!

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  2. Tom

    Die Anzahl meiner Teilnahmen bei Ultratrails ist recht übersichtlich. Aber wenn ich es mit dem Trauerspiel beim Swiss Irontrail vor zwei Jahren oder den zahlreichen Halbmarathons vergleiche, so ist das hier eine ganz andere Hausnummer gewesen, die einfach in Erinnerung bleiben wird.

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  3. Ruben

    Hallo Hendrik,

    Wunderschöner Bericht von einer tollen Veranstaltung und garniert mit schönen Bildern und Impressionen. DAs du während des Laufens auch noch Zeit für deine Kamera gefunden hast…

    Der Lauf wäre wirklich eine Überlegung wert, aber mich haben in den letzten Jahren schon der Albmarathon (50km, 1.000hm) und Stromberg Extrem (53km, 1.200hm) sehr herausgefordert, und dann nochmal die Höhenmeter verdoppeln auf einem solchen Geläuf – puh. Umso mehr Respekt und Gratulation allen Finishern

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    • Hendrik

      Hendrik

      Danke für die netten Worte, Ruben! Es gibt wohl Überlegungen, nächstes Jahr eine 30er-Distanz ins Programm zu nehmen. Die wäre doch was für dich!

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