Kurz vorm höchsten Punkt der Strecke

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Zugspitz Basetrail: Höher, schneller, weiter!

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Wie kann man so eine Woche noch toppen? Am besten mit 36 km und 1.900 Höhenmetern – beim Zugspitz Basetrail! Bei meinem ersten Trailrennen in den Bergen wollte ich vor allem Erfahrungen sammeln für den Transalpine. Dass dabei auch eine ziemlich ordentliche Platzierung in der Gesamtwertung rausspringen würde, hätte ich vorher nicht gedacht. Aber fangen wir vorne an…

Am Tag vor dem Rennen steigt die Bevölkerungszahl im kleinen Zugspitzdorf Grainau sprunghaft an. Bunte Funktionskleidung, Profilschuhe und krasse Typen, soweit das sonnenbebrillte Auge reicht. Bei der Startnummernausgabe im schmucken Kurhaus hört man Englisch, Französisch, Spanisch und viele weitere Sprachen. Aus 38 Ländern sind die über 1.500 Teilnehmer angereist. Auch die Frankfurt-Taunus-Connection ist mit Orkan, Martin, Steffen, Stefan, Andre & Co in Mannschaftsstärke dabei. Bei der Pasta-Party treffen wir Sebastian, der sich die Ultradistanz vorgenommen hat. Der Herr Chefredakteur ist auch vor Ort und geht in privater Mission beim Ultratrail an den Start. Natürlich nicht, ohne vorher die versammelte Leserschaft zu einem Gruppenbild gerufen zu haben.

Als am Samstag um viertel nach sieben die Ultratrailer auf die 100 km-Strecke gehen, hat der Wettergott ein Einsehen. Statt Hitze und Dauerbesonnung, wie in den Tagen zuvor, hat es jetzt läuferfreundliche 15 Grad und eine dichte Wolkendecke. Mit dem Shuttle-Bus geht es für uns anschließend von Grainau zum Start des Basetrails in Mittenwald. Material-Check, noch ein paar Fotos unterm Startbogen und plötzlich finde ich mich in der ersten Startreihe wieder. Die Cracks um Stefan Tassani und Alexander Lubina begrüßen mich unbekannterweise per Handschlag und fragen sich wohl zu Recht, wer der Typ neben ihnen ist und was er da vorne macht.

Die Frage stelle ich mir kurz nach dem Startschuss dann auch – die Spitzengruppe rast mit einem Kilometerschnitt von deutlich unter vier Minuten durch Mittenwald in Richtung Trail. Zwei Kilometer spiele ich das Spiel mit, dann setzt die Vernunft ein: Viel zu schnell – klassischer Anfängerfehler! Also zwei Gänge runter schalten und mein eigenes Tempo finden. So richtig will mir das aber nicht gelingen, obwohl die erste Hälfte der Strecke keine großen Anstiege hat. Das wellige Profil bricht meinen Rhythmus und macht die gefühlte Anstrengung größer, als sie zu diesem Zeitpunkt sein sollte.

Es dauert bis zum ersten längeren Downhill bei Km 13, bis ich das Gefühl habe, im Rennen zu sein. Hier geht es über einen wurzelgespickten Singletrail 400 Höhenmeter runter zur Partnachklamm. Zum ersten mal an diesem Tag habe ich richtig Spaß an der Sache. Der wäre beinahe gleich schon wieder vorbei gewesen, doch einen Sturz kann ich im letzten Moment mit dem Unterarm abfangen. Danach will der Kopf nicht mehr ganz so schnell wie die Beine könnten. Bei dem dann folgenden Anstieg ist es genau anders herum. Ich werde von einigen Läufern überholt, die mit ihren Stöcken auf den Steilpassagen im Vorteil sind.

Irgendwann geht es vom breiten Forstweg links ab und hinein in den Anstieg zur Alpspitze. Der Pfad wird immer schmaler, steiler und technischer. Er windet sich in unzähligen Serpentinen um den Berg, der in immer dichter werdendem Nebel liegt. Die Anfeuerungsrufe und Kuhglocken hört man lange bevor die Verpflegungsstation auf 1.600 Metern aus dem Nebel auftaucht. Die Läufer vor und hinter mir kann ich nur noch erahnen, weil das Klacken der Stöcke sie verrät. Es beginnt leicht zu regnen und auch die Temperatur fällt mit zunehmender Höhe merklich. Am Verpflegungspunkt angekommen, tausche ich mein durchnässtes Singlet gegen ein langärmeliges Shirt. Auch über die Handschuhe, die zur Pflichtausrüstung gehören, bin ich jetzt froh, obwohl ich sie am Start noch als völlig überflüssig belächelt habe.

Auf den letzten 400 Höhenmetern bis zur Bergstation der Alpspitzbahn wird der Trail wieder breiter. Das Postkartenpanorama, das man auf der Alpspitze sonst vor sich hat, endet heute nach wenigen Metern im trüben Grau. Dafür erzeugt das Wetter eine ganz besondere Stimmung. Im Nebel ist allerdings kaum auszumachen, wie weit es noch bis zum höchsten Punkt auf 2.029 m ü.NN ist. Immer wieder meine ich, endlich angekommen zu sein, bevor der Pfad noch eine weitere Wendung nimmt. Als mich ein Streckenposten irgendwann rechts auf eine Böschung weist, frage ich noch einmal nach, ob es das jetzt wirklich war: „Ja, ab jetzt geht’s nur noch runter.“

Nur noch? Was für eine Untertreibung. Denn was folgt, ist ein halsbrecherischer Downhill, der durch die Nässe zusätzlich verschärft wird. Die Rundhölzer, die als Trittstufen in den Fels geschlagen wurden, bieten so viel Halt wie Blitzeis auf Asphalt. Dazwischen ragen spitze Steine wie Zacken aus einer Krone. Also in kleinen Trippelschritten jeden Kontakt mit den Stolperstellen vermeiden. In einem Anflug von Vernunft drossele ich das Tempo – lieber etwas Zeit verlieren, als einen Sturz riskieren, der nicht nur das Rennen, sondern die ganze Saison vorzeitig beenden würde. Weitere Sekunden verliere ich, als ich zum zweiten Mal an die Verpflegungsstation komme. Cola gibt es hier offenbar nur auf Bestellung, und es dauert, bis der Barkeeper die Flasche gefunden und den Becher gefüllt hat. Auch meine völlig aufgeweichte Startnummer (an der sich schlauerweise der Zeitchip befindet) muss notdürftig mit Tape zusammengeflickt werden.

Nach einer gefühlten Ewigkeit mache ich mich wieder auf den Abstieg zum Ziel in Grainau. Auf den nächsten zwei Kilometern geht es mit rund 20 Prozent Gefälle abwärts. Eigentlich ein Riesenspaß, aber inzwischen lasse ich Vorsicht walten. Auch die Oberschenkelmuskulatur meldet langsam Gesprächsbedarf an. „Jetzt nicht, in einer halben Stunde können wir reden!“, gebe ich im Befehlston zurück. Das Machtwort zeigt Wirkung, denn auf den letzten zweieinhalb flachen Kilometern bis ins Ziel kann ich das Tempo noch einmal deutlich anziehen. Zwei oder drei Läufer sammele ich noch ein, bevor ich nach genau 4:31:27 h durch den Zielbogen im Dorfzelt laufe. Durchnässt, erschöpft, aber glücklich! Der Mann am Mikro gibt die Platzierung durch: 25. gesamt, 16. bei den Männern unter 40!

Nach dem Rennen und der dringend nötigen Dusche gibt es für die Hessen-Crew Pizza und alkoholfreies Weizen bis zum Abwinken. Im Zielbereich sehen wir, wie Zauberlehrling Philipp Reiter sein erstes 100 km Rennen auf Anhieb gewinnt (hätte jemand etwas anderes erwartet?) und auch Chefredakteur Denis seinen Ultratrail finisht. Dazwischen liegen knapp 5 Stunden, was die Leistung von Denis keineswegs schmälert, sondern eher das Ausnahmetalent von Philipp unterstreicht.

Mein Fazit zum ZUT-Wochenende: Eine fast perfekt organisierte Veranstaltung mit jeder Menge gut gelaunter Menschen (das muss am Trampelpfadlaufen liegen!) und einem ziemlich anspruchsvollen Basetrail. Eine Strecke, um „erste Trailrunning-Erfahrungen zu sammeln“ (so der Veranstalter) war das sicher nicht. Für das nächste Jahr würde ich mir noch etwas weniger Asphalt und Forstautobahnen auf den ersten und letzten Kilometern wünschen. Aber das lässt sich wohl kaum realisieren, will man Start und Ziel weiterhin im Ortskern von Mittenwald bzw. Grainau belassen.

Zum Lernen war ich nach Grainau gekommen, und ich habe einiges gelernt: Dass Trailrunning genau mein Ding ist (okay, das wusste ich schon vorher); dass ich als Alpen-Rookie ein ganz passables Rennen laufen kann; aber auch, dass ich an meiner Downhill-Technik feilen muss, um weniger Zeit liegen zu lassen und die Muskulatur geringer zu belasten. Letzteres wird bei den acht Tagen Transalpine sicher ein entscheidender Faktor.

Aber bis dahin liegen ja noch einige Trainings- und Wettkampfkilometer vor mir. Next Stop: Zermatt Marathon!

Material:
Brooks Cascadia 8
Brooks ID Elite Singlet, Short und Longsleeve
Oakley Radarlock (mangels Sonne eigentlich überflüssig)
Ultimate Direction Scott Jurek Ultra Vest

Danke an das Gästehaus Gansler für die super Unterkunft während des ZUT!

Noch mehr Fotos vom Zugspitz Utratrail Wochenende findet ihr in meiner Dropbox! Bei Verwendung bitte mit Bildnachweis „Hendrik Auf’mkolk / trailblog.de„.

Hendrik

Von

Hendrik ist leidenschaftlicher Trailrunner und Gründer des TrailBlog. Neben kurzen, steilen Rennen reizen ihn lange Touren auf eigene Faust in den Bergen. Hendrik ist ASICS Frontrunner und wird unterstützt von Garmin, SZIOLS und ultraSPORTS. Folge ihm auch auf Strava, Twitter und Instagram.
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19 Kommentare

Dieser Artikel kann nicht (mehr) kommentiert werden.
  1. Sebastian

    Klasse…freu mich schon auf ein Wiedersehen…

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  2. Torsten

    Yeah,…. sehr geil geschrieben. Genau das waren meine Eindrücke, welche ich von diesem tollen Wochenende, bei meinem ebenfalls ersten Trail, mitnehmen durfte. Tolle Planung, gelungene Umsetzung, und nicht zuletzt, aber auch mit das wichtigste, einen ganzen Haufen total bekloppter, liebenswerter Menschen, welche wie ich von der Bergwelt infiziert wurden und man sofort ins Herz schließt.
    Nächstes Jahr auf jeden Fall wieder!! :-)

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    • Hendrik

      Hendrik

      Freut mich, dass es dir auch so gut gefallen hat. Dann sehen wir uns ja im nächsten Jahr :-)

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  3. Laufhannes

    Herzlichen Glückwunsch zu dem hervorragenden Ergebnis! Genau die richtige Vorbereitung für den TAR. Genau der richtige Kick.

    Ich frage mich nur, ob Ugali tatsächlich auch bei solchen Trailläufen hilft. Ich mein, Kenianer laufen bei so etwas doch gar nicht mit ;)

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  4. Chris

    Klasse Bericht, genauso hab ich’s auch erlebt, wenngleich ich bei meinem ersten Trailrun knapp 45 min länger unterwegs war… was mir gut gefallen hat war die klasse Orga und die aufgeschlossenen Trailrunner ;-) hat Spaß gemacht

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  5. -timekiller-

    Wow, was für ein Ritt !
    Ich glaube ich muss meine Typisierung noch durch den „Freak“ erweitern.

    Grüße -timekiller-

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    • Hendrik

      Hendrik

      Ne, das lass mal lieber, du brauchst ja nach oben noch Spielraum. Oder wie bezeichnest du dann die 100 km Ultratrailer? ;-)

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  6. Mel

    Toller Bericht. So ähnlich ging’s mir auch

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  7. Andrea

    Ich werde mir 2014 zu meinem 56.Geburtstag mit dem Basetrail ein hoffentlich tolles Geschenk machen. Ist meine Trailpremiere und ich hoffe, ich komme gut ins Ziel. Deshalb lese ich alle Berichte, die ich finde….

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    • Hendrik

      Hendrik

      Hallo Andrea, viel Spaß beim Basetrail! Den wirst du haben, da bin ich mir sicher.

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  8. Andrea

    Vielen Dank,
    das sagt mir bisher Jeder und ich bin schon total gespannt!
    Ich weiß nur nicht, mit welchen Zeiten ich rechnen soll.
    HM-Bestzeit im welligen Gelände 1:49, Marathon 3:54

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